Habichtswaldklinik Kassel Bad-Wilhelmshöhe - Klinik für Onkologie Psychosomatik Innere Medizin Tinnitus Ayurveda Klinik für Ganzheitliche Rehabilitation
Druckversion vom 09.02.2009
URL: http://www.habichtswaldklinik.de/Onkologie/Appetitlosigkeit_bei_Krebserkrankung.html
Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
1. Ursachen
Appetitlosigkeit bei Patienten mit einer Krebserkrankung kann vielfältige Ursachen haben. Sie kann im Zusammenhang mit einer unbehandelten Krebserkrankung auftreten, einhergehend mit allgemeinem Kräfteverfall, Müdigkeit und leichter Erschöpfbarkeit. Dies führt oft vor Diagnosestellung bereits zu einer deutlichen Gewichtsabnahme, die sich schleichend über Wochen und Monate, manchmal aber auch kurzfristig entwickeln kann.
Kommt es im Rahmen der Krebserkrankung zu Störungen im Magen-Darm-System, sei es durch eine primär im Bereich von Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Magen, Darm liegende Krebserkrankung, sei es durch eine Krebserkrankung im Bauchraum, die von außen auf Organe des Verdauungssystems wirkt, so kann es zu verschiedenen Symptomen wie z. B. Schluckstörungen, Völlegefühl und Obstipation kommen, die zum Teil so uncharakteristisch sind, dass sie nicht auf eine Krebserkrankung hindeuten.
Bei einem Befall der Leber durch ein primär in der Leber entstandenes Karzinom (Leberzellkarzinom), Tumoren der Gallenblase und Gallenwege oder durch einen Befall der Leber mit Metastasen kommt es oft zu Appetitlosigkeit und sich daraus entwickelndem Gewichtsverlust.
Im Rahmen der Therapie einer Krebserkrankung kann es aus vielfältigen Gründen zu Appetitlosigkeit kommen. Größere operative Eingriffe, insbesondere im Bereich des Verdauungssystems, aber auch bestimmte Medikamente wie z. B. Opiate, können den Appetit mindern und die Verdauungsfunktionen beeinflussen.
In der sich oft anschließenden Phase der Chemotherapie kann es zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Je nach angewendetem Schema der Chemotherapie kann sich dies über lange Zeit hinziehen. Auch nach Aufhören der Übelkeit bzw. bei deren effektiver Behandlung klagen viele Patienten noch über eine unterschiedlich ausgeprägte Appetitlosigkeit, die auf einer Reizung der Schleimhäute beruhen oder auch in Zusammenhang mit Übelkeit auftreten kann.
In einigen Fällen ist eine Bestrahlung erforderlich, die bei Einbeziehung der Organe des Verdauungssystems ebenfalls zu Störungen führen kann, die oft mit einer Appetitlosigkeit einhergehen.
Für viele Patienten stellt aber auch alleine das Wissen um eine bösartige Erkrankung, insbesondere eine Krebserkrankung, eine erhebliche psychische Belastung dar, die sich auch körperlich in Form von Appetitlosigkeit ausdrücken kann.
2. Therapie
Zur erfolgreichen Therapie der Appetitlosigkeit gehört zunächst die Klärung der individuell dazu beitragenden Faktoren. Beeinflussbare Faktoren wie z. B. Obstipation, Übelkeit und Erbrechen sollten gezielt behandelt werden.
Des Weiteren empfiehlt sich ein kombiniertes Vorgehen aus Ernährungstherapie, medikamentöser Unterstützung und gegebenenfalls auch psychoonkologischer Begleitung.
Zur Ernährungstherapie finden Sie Hinweise in unseren beiden Artikeln „Krebs und Ernährung“ sowie „Ernährung während der Chemotherapie“.
Zur medikamentösen Therapie der Appetitlosigkeit gibt es verschiedene Möglichkeiten:
· Die Pflanzenheilkunde bietet eine große Auswahl an
Präparaten: Tausendgüldenkraut, Artischockenblätter, China- Condurango- und
Zimtrinde, Löwenzahnwurzel und -blätter, Wermutkraut, Pomeranzenschalen,
Enzian-, Calmus- und Angelikawurzel, Schafgarbe, und Ingwerwurzelstock. Diese
Substanzen können als Einzelpräparationen (insbesondere Enzian-, Ingwer- und
Calmuswurzel, Wermutkraut) gegeben werden, oft werden jedoch Gemische
verabreicht, die zum Teil auch Geschmackskorringenzien
enthalten.
Bitterstoffe führen zu
einer vermehrten Speichelsekretion im Mund, zu einer Verbesserung der Motorik im
Magen, zu einer vermehrten Produktion von Gallen- und Pankreassekreten und über
indirekte Mechanismen zur Appetitsteigerung.
Wichtig sind die
richtige Zubereitung und die rechtzeitige Einnahme vor der Mahlzeit (20-30
Minuten), außerdem ist die Anwendung vor jeder Mahlzeit
erforderlich.
Beispiele für Zubereitungen:
Enzianwurzel: 1
Teelöffel fein geschnittene Enzianwurzel auf 1 Tasse Wasser, 5 Minuten ziehen
lassen oder 20-40 Tropfen Tinctura gentianae in 1 Glas Wasser. Calmuswurzel:
Tinctura calami, 20-30 Tropfen auf 1 Glas Wasser.
Ingwerwasser: 1 Teelöffel grob gepulverte Ingwerwurzel auf 1 Tasse heißes
Wasser, 5-10 Minuten abgedeckt ziehen lasen.
· Zur Therapie aus der Schulmedizin gehören Gestagen-
und Kortisonpräparate. Hierbei sind die Vor- und Nachteile dieser Präparate zu
betrachten.
Gestagene
werden eher Frauen verordnet. Sie waren bei rezeptorpositiven Tumoren der Brust
früher Bestandteil der antihormonellen Therapie, eine Option, die heute noch
beim Prostatakarzinom des Mannes in seltenen Fällen in Erwägung zu ziehen ist.
Gestagene können bei Frauen, aber auch Männern deutliche Appetit steigernde
Effekte entfalten. Zu beachten ist eine etwas erhöhte Thromboseneigung, so dass
bei bereits erhöhtem Thromboserisiko eventuell zusätzlich mit einem
niedermolekularen Heparin behandelt werden
sollte.
Kortisonpräparate werden im Zusammenhang mit einigen
Chemotherapieprotokollen und bei Hirnmetastasen eingesetzt. Wenn erforderlich
kann aber der bekannte Appetit steigernde Effekt unabhängig von diesen
Indikationen ausgenutzt werden. Bei den Nebenwirkungen ist auf Auswirkungen auf
den Stoffwechsel, insbesondere die Blutzuckerregulation, und bei längerer
Einnahme auf Faktoren wie Osteoporose und Muskelschwäche zu achten.
Vielfach führen auch die starken psychischen Belastungen durch die Erkrankung und ihre Therapie zur Appetitlosigkeit. Wohl meinende Bemühungen der (zum Teil ebenso verzweifelten) Angehörigen wie „Du musst etwas essen.“, führen eher zum Gegenteil.
Neben einer einfühlsamen Ernährungsberatung durch Arzt und Diätassistentin kann auch eine psychoonkologische Betreuung hilfreich sein.
Ein pflanzliches Mittel gegen Depressionen ist Johanniskraut, das aber nur nach Rücksprache mit dem Onkologen eingenommen werden sollte, da es die Wirksamkeit anderer Medikamente beeinflusst.
Stand 22.06.07