Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Ganzheitsmedizin oder ganzheitliche Therapie sind keine Begriffe, die eine
einheitliche Definition haben. Jeder meint, wenn er einen dieser Begriffe hört,
ihn zu verstehen. Ganzheitsmedizin ist mit positiven Assoziationen verbunden,
Begriffe wie "sanfte Medizin", "menschenzugewandte Medizin", "natürliche
Medizin" spielen eine Rolle.
Auf der anderen Seite stehen zumindest für Kritiker negative Verbindungen wie
Esoterik, Unwissenschaftlichkeit bis hin zur "Verantwortungslosigkeit".
Eine Definition zum Thema Ganzheitsmedizin wird vermutlich auf weitgehende
Zustimmung stoßen: "Ganzheitsmedizin ist der Versuch, den Menschen und Patienten
als Einheit von Körper, Seele und Geist zu sehen und in diagnostischen wie
therapeutischen Maßnahmen diese Einheit zu berücksichtigen."
Geht es jedoch darum, die Themen Diagnostik und Therapie detailliert zu
beleuchten, so wird deutlich, dass Ganzheitsmedizin kein einheitlich
verstandener Begriff ist.
Eng verwoben mit Ganzheitsmedizin sind auch Begriffe wie Erfahrungsheilkunde
und Naturheilkunde. Ihnen gegenübergestellt wird oft die so genannte
Schulmedizin, die als kalt, technisch und technokratisch bezeichnet wird,
während Erfahrungsheilkunde und Naturheilkunde mit den Assoziationen "warm" und
"menschlich" verbunden sind.
Ganzheitsmedizin beruht auf dem Zusammenwirken von Schulmedizin und
Naturheilkunde sowie psychologischer Begleitung der Patienten. Es ist keine
Ganzheitsmedizin, wenn Schulmedizin und Naturheilkunde unabhängig voneinander
parallel eingesetzt werden und die Behandler beider Methoden davon ausgehen,
dass Wechselwirkungen aufgrund der unterschiedlichen Konzepte nicht auftreten
können.
Es ist selbstverständlich, dass Schulmedizin und Naturheilkunde spätestens in
der Anwendung beim einzelnen Patienten, also im Körper, wechselwirken können.
Dies kann positive wie negative Auswirkungen auf den Behandlungserfolg haben.
Der dritte wesentliche Baustein einer ganzheitlichen Therapie ist die
psychoonkologische Betreuung des patienten.
In der Onkologie ist die Anzahl der Patienten, die beide Therapiekonzepte
einsetzen, besonders hoch, da auf der einen Seite die Bedrohung der Erkrankung
als so intensiv erlebt wird, dass die meisten Patienten den von der Schulmedizin
vorgeschlagenen Therapien zustimmen. Auf der anderen Seite löst jedoch gerade
die Diagnose Krebs starke Ängste und Verunsicherungen aus, und der Wunsch, "noch
etwas zu tun", ist besonders stark. Da diese Frage von der Schulmedizin oft für
Patienten nicht befriedigend beantwortet wird, kommt vielfach gleichzeitig eine
auf Erfahrungsheilkunde beruhende Naturheilkunde zum Einsatz.
Obwohl bereits aus Labor- und Tierexperimenten zahlreiche Hinweise auf die
Wechselwirkungen von Schulmedizin und Erfahrungsheilkunde in der Onkologie
vorliegen, ist das praktische Wissen aus Untersuchungen beim Menschen und
Patienten noch sehr beschränkt.
Gerade in der Onkologie hat sich in den vergangenen Jahren, nachdem zunächst
Naturheilkunde in den Bereich der Esoterik verwiesen wurde, eine gewisse
gegenseitige Toleranz entwickelt, die dem Problem aber nicht gerecht
wird.
Es zeichnet sich jetzt eine neue Strömung bei onkologisch tätigen Ärzten ab,
die sich klar zur Schulmedizin und der wissenschaftlichen Erforschung von
Behandlungsmethoden bekennen und diese auch für die Naturheilkunde einfordern,
da sie die Wirksamkeit und Bedeutung der Naturheilkunde für die Patienten
anerkennen. Auch Naturheilkunde kann wissenschaftlich erforscht werden und damit
die Grenzen der auf Erfahrung basierenden Heilkunde verlassen.
Diese Ärzte fordern auch, dass wir mehr über die Wechselwirkungen von
Schulmedizin und Naturheilkunde in der Onkologie lernen müssen. Sie beraten
Patienten positiv zum Einsatz von naturheilkundlichen Methoden, wählen sie
jedoch in Abstimmung auf die erforderlichen schulmedizinischen Therapien
aus.
Während früher die Schulmedizin in der Onkologie nur geringe Therapieerfolge
aufweisen konnte, hat sich dies in den vergangenen Jahren gründlich geändert.
Blieb früher dem Patienten in der Zweit- oder Drittlinientherapie eigentlich
fast nur der Weg in die Naturheilkunde, so gibt es heute in diesen Situationen
gute Therapieangebote der Schulmedizin. Somit findet sich die Naturheilkunde
heute an einem Scheideweg. Bleibt sie in ihren Entwicklungen als
Erfahrungsheilkunde stehen, wird sie weiterhin eine Nebenrolle spielen.
Viele Patienten entscheiden sich bewusst für die Schulmedizin, müssen aber in
der heutigen medizinischen Gesellschaft leider oft auf die in der Naturheilkunde
gefundene Menschlichkeit und Individualität der Therapie verzichten. Auch dies
sollte Aufgabe der ganzheitlichen Medizin sein, dass sie bei aller
Wissenschaftlichkeit neben der Statistik auch das Individuum, den einzelnen
Patienten, der uns gegenüber sitzt, sieht.
Nicht der "Blinddarm auf Zimmer 391" hat Schmerzen, sondern der Mensch, der
eine Blinddarmoperation hinter sich hat, der Mensch mit seinen Ängsten und
Bedürfnissen, mit seiner Vorgeschichte, seinen Überzeugungen und seinem
Glauben.
Ganzheitliche Medizin bedeutet aus unserer Überzeugung mehr als dass in einer
Klinik Behandler für die körperliche und seelische Seite der Erkrankung da sind.
Voraussetzung ist vielmehr, dass sie eng zusammen arbeiten, und bei uns besteht
auch der Anspruch, dass jeder einzelne Behandler, ob Arzt, Krankenschwester,
Krankengymnast oder Psychotherapeut den Patienten sowohl körperlich als auch
psychisch begleitet.
Stand 26.08.08