Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Die Diagnose „Krebs“ stellt für jeden, der sie erleben muss, einen
einschneidenden Punkt in seinem Leben dar. Das Wissen um die eigene Erkrankung
bedeutet eine existenzielle Bedrohung des eigenen Lebens. Hierdurch ändern sich
unmittelbar auch unsere Beziehungen zur Umwelt und zum Partner.
In einer bestehenden Partnerschaft muss zunächst ein Weg gefunden werden,
damit beide, der Erkrankte, wie sein Partner über die Sorgen und Ängste reden
können. Nicht nur der Erkrankte, auch der Partner hat Angst, Angst um den
anderen, aber auch Angst vor den auf ihn zukommenden Belastungen und auch Angst
vor dem Alleinsein.
Manche Partnerschaften zerbrechen an dieser Belastung, wenn einer von beiden
oder beide keinen Weg finden, miteinander in Kontakt zu treten. Die Krankheit
ist manchmal auch nur der letzte Auslöserfaktor einer Trennung nach jahrelangem
„Nebeneinander-her-Leben“. Viele Partnerschaften finden jedoch gerade durch die
Krebserkrankung zu einem intensiveren Erleben des Miteinanderseins.
Eine besondere Belastung stellt die letzte Lebensphase eines Krebskranken für
ihn und seinen Partner dar, deshalb werden wir im Symposium auch über den Umgang
mit dem Partner in der palliativen Situation reden.
Viele Patienten versuchen nach der Diagnose Krebs ihr Leben zu verändern in
dem Wunsch, dadurch das Risiko für ein Rezidiv zu senken. Dies beeinflusst nicht
nur das Leben des Pat. selbst, sondern auch das des Partners.
Patienten/innen fällt es nach einer Krebserkrankung oft schwer, sich auf eine
neue Partnerschaft einzulassen. Dies kann unterschiedliche Gründe haben, z. B.
Scheu davor, über die eigene Erkrankung zu sprechen, Sorge, nicht als
„vollwertiger Mensch“ zu gelten.
Krebs und die Therapie greifen wesentlich in die Möglichkeiten der
Familienplanung ein. Insbesondere sind hier junge Patienten zu nennen, die an
Leukämien oder Lymphomen, Hodenkrebs oder Brustkrebs erkrankt sind. Die
Erkrankung, aber auch die Therapie führen in unterschiedlichem Ausmaß zu
Fertilitätsstörungen.
Teilweise kann durch eine geeignete Auswahl der Therapie dieses Risiko
deutlich gesenkt werden. Darüber hinaus bietet die moderne Therapie erste
Ansätze aus der Forschung, um jungen Patienten und Patientinnen nach Überstehen
der Krebserkrankung eine Familiengründung zu ermöglichen. Hierzu zählen die
Konservierung von Spermien bzw. von Geweben der Eierstöcke und der Versuch,
unter der Chemotherapie die Aktivität der Eierstöcke medikamentös zu
unterdrücken, um sie dadurch vor den schädigenden Einflüssen der Chemotherapie
zu schützen. Nicht nur Chemotherapien, sondern auch Bestrahlungen können die
Gonaden beeinträchtigen, dies versucht man durch Abdeckung der Hoden bzw.
operative Verlagerung der Eierstöcke zu vermeiden.
Sexualität ist ein in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiertes Thema, das
fast ausschließlich in Zusammenhang mit jungen, gesunden, leistungsfähigen
Menschen gezeigt wird. Auch vielen Ärzten und Pflegekräften fällt der offene
Umgang mit diesem Thema schwer, so dass Patienten der Mut fehlt, Beratung und
Hilfe einzufordern.
Sexualität umfasst die Gefühle, die wir über uns selbst als
geschlechtsbezogene Wesen haben, die Art und Weise, wie wir diese Gefühle uns
selbst und anderen gegenüber ausdrücken und die physische Fähigkeit, die jeder
von uns hat, um sexuelle Lust zu geben und zu empfinden. Sie kann auf
verschiedene Art und Weise ausgedrückt werden, z. B. durch Kleidung, Bewegung,
Sprache, körperliche Berührung, Geschlechtsverkehr und Masturbation.
Viele Patienten mit Krebserkrankungen müssen Einschränkungen ihrer Sexualität
erleben. Bei einigen ist es vorübergehend, andere berichten lang anhaltend über
Veränderungen des körperlichen und sexuellen Erlebens.
Krebspatienten, aber auch ihre Partner haben nach der Therapie Angst vor
erneutem sexuellen Kontakt, die oft Angst vor Verletzung oder Angst vor
Schmerzen beinhaltet. Unbegründete Ängste, wie die Vorstellung, das die
Krebserkrankung durch sexuelle Aktivitäten ausgelöst sei oder dadurch die
Rezidivgefahr erhöht würde, können durch eine behutsame Aufklärung vermieden
werden.
Die Betreuung von Krebspatienten bedeutet für alle Beteiligten nicht nur
einen Umgang mit der Erkrankung und ihrer unmittelbaren Therapie sondern auch
eine Auseinandersetzung mit den Folgeerscheinungen.
Aufgabe ist es schon vor der Therapie, die Patienten aufzuklären, sie während
der Therapie auch zu diesem Thema zu begleiten und ihnen noch im Anschluss daran
Hilfestellungen zu geben.
In der Beratung eines Patienten oder Paares steht die Aufklärung über
körperliche Funktionsstörungen und möglich Behandlungen gleichrangig neben der
psychologischen Unterstützung im Wieder finden eines Vertrauens in den eigenen
Körper. Je verständnisvoller der Partner reagiert, desto eher kann es gelingen,
Ängste zu verlieren und wieder Lust an der Reaktion des eigenen Körpers und der
des Partners zu empfinden.
Darauf aufbauend kann der Patient/die Patientin das eigene sexuelle Erleben
neu erfahren und Wege zu einer erfüllten Partnerschaft finden.
Beide Geschlechter betreffende Überlegungen
Chemotherapien können zu zum Teil auch lang anhaltenden Erschöpfungszuständen
(sogenannte Fatigue-Syndrom) führen, so dass das Bedürfnis nach Sexualität
vermindert ist oder erlischt. Unter der Chemotherapie können Übelkeit, Erbrechen
und Durchfälle erhebliche Einschränkungen bedeuten. Diese Einschränkungen
betreffen beide Geschlechter gleichermaßen. Nur in einer offenen wertschätzenden
Arzt-Patienten-Beziehung werden Patienten/innen von diesem Problem berichten.
Gemeinsame Gespräche mit dem Partner können hier sinnvoll sein. Es gibt
teilweise die Möglichkeit diese Symptome medikamentös zu beeinflussen, in
anderen Fällen sind Hinweise zu Ernährung und Lebensführung hilfreich.
Wesentlich ist jedoch das verstehende, vertrauende aufeinander Eingehen der
Partner.
Operationen bei Enddarmkrebs können die Anlage eines Stomas erforderlich
machen, was bei vielen Patienten/Innen, zumindest in der Anfangsphase zu
erheblichen Problemen mit dem eigenen Körperbild führt.
An Krebs erkrankte Patientinnen
Viele Frauen erleben den unter einer Chemotherapie auftretenden Haarausfall
als eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Weiblichkeit. Das Tragen einer
Perücke und geschicktes Schminken können als hilfreich empfunden werden.
Frauen empfinden eine Brustkrebserkrankung als unmittelbare Bedrohung ihrer
weiblichen Körperform. Besonders deutlich wird dies, wenn die Brust abgenommen
wird. Aber auch bei brusterhaltender Operation berichten viele Frauen von
Veränderungen ihres Körpergefühls. Eine anschließende Chemotherapie oder
antihormonelle Therapie kann zu weiteren Veränderungen und hormonellen
Umstellungen führen, die sowohl die Libido vermindern, aber auch durch eine
Trockenheit der Schleimhäute im Genitalbereich den Geschlechtsverkehr
beeinträchtigen.
Entscheidend ist eine ausführliche Beratung der Patientinnen zu den
Operationsmöglichkeiten, zur prothetischen Versorgung und zum Brustwiederaufbau.
Genauso wichtig kann eine psychoonkologische Beratung der Patientin sein. Bei
der Auseinandersetzung mit dem neuen Erscheinungsbild können auch erfahrene
Physiotherapeuten helfen. Nicht zuletzt tragen Stilberatung und gute Beratung
bei der Auswahl von BH´s und Bademoden dazu bei, der Frau Selbstsicherheit zu
geben.
Bei Frauen führen operative Eingriffe der Geschlechtsorgane im Unterleib zu
wesentlichen Veränderungen im Empfinden der eigenen Weiblichkeit. Das
Bewusstsein, keine Kinder mehr bekommen zu können, verstärkt den empfundenen
Verlust deutlich. Nur bei wenigen Patientinnen kann die Fertilität erhalten
bleiben. Erhebliche Einschränkungen können entstehen, wenn bei der Operation
Eingriffe im Bereich der Vagina oder der Vulva erforderlich sind. Moderne
Operationstechniken versuchen, dies zu berücksichtigen, um den Frauen nach der
Heilung einen normalen Geschlechtsverkehr zu ermöglichen.
Bei einer Operation der Harnblase wird oft die Vagina in die Operation
einbezogen. In der Regel wird eine operative Wiederherstellung durchgeführt, so
dass ein Koitus wieder möglich ist.
Bestrahlungen, die den Unterleib einbeziehen, können durch entzündliche
Veränderungen der Schleimhaut der Vagina zu Trockenheit aber auch Einengungen
führen, die Beschwerden beim Geschlechtsverkehr verursachen können. Hier ist der
gezielte Einsatz von Gleitmitteln und Dilatatoren hilfreich. Ein
verständnisvoller Partner und das vorsichtige Erkunden neuer Techniken und
Stellungen können für beide ein erfüllendes sexuelles Erleben ermöglichen.
An Krebs erkrankte Patienten
Beim männlichen Patienten mit Prostata-Carcinom kommt es nach der Operation
mit unterschiedlicher Häufigkeit zu einer Störung der Erektion. Auswertungen
zeigen, dass nach einer Standard-Operation 75 % aller Patienten eine
Erektionsstörung haben, nach sogenannter nervsparender Operation 65 %, nach
einer Bestrahlung 45 % und nach einer internen Bestrahlung (Brachytherapie)
25-30 %. Für einige Patienten ist eine antihormonelle Therapie notwendig, die
das sexuelle Verlangen und Erleben beeinflussen kann.
Auch die Operation der Harnblase kann beim Mann durch Verletzungen der das
Glied versorgenden Nerven zu einer Erektionsstörung führen.
Bei Patienten mit Hoden-Carcinom kann es im Rahmen von Lymphknotenentfernung
zu Nervenverletzungen kommen. Man versucht heute, über eine einseitige Operation
die gegenseitigen Nerven und damit die Erektionsfähigkeit zu erhalten.
Bei den genannten Operationen werden die für die Sensibilität des männlichen
Gliedes notwendigen Nerven nicht beeinflusst, so dass auch bei fehlender
Erektionsfähigkeit eine Stimulation und damit ein Orgasmus möglich ist. Trotzdem
besteht bei den meisten Betroffenen der Wunsch wieder eine Erektion zu
erlangen.
Neben medikamentösen Maßnahmen in Tablettenform, wie Sildenafil (ViagraR),
kommen die Injektionen bestimmter Substanzen in den Schwellkörper oder
Einführung dieser Substanzen (Prostaglandine) in die Harnröhre zur Verstärkung
der Durchblutung in Frage. An mechanischen Hilfsmitteln werden Vakuum-Pumpen
oder implantierbare Systeme angeboten.
Stand 22.06.07