Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Lungenkrebs (Bronchialkarzinom) ist eine der häufigsten Krebsarten
in Europa. Einer der wichtigsten auslösenden Faktoren ist das Rauchen, aber auch
Asbest und andere Umwelt-
substanzen können zur Entstehung beitragen.
Lungenkrebs wird in zwei Untergruppen unterteilt, die kleinzelligen sowie die
nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinome.
Die nichtkleinzelligen Bronchialkarzinome werden weiter unterteilt in
Plattenepithel-karzinome, Adenokarzinome und großzellige Karzinome. Diese
verschiedenen Tumorarten des nichtkleinzelligen Bronchialkarzinoms haben etwas
unterschiedliche Wachstums-eigenschaften.
Nichtkleinzellige und kleinzellige Bronchialkarzinome unterscheiden sich
deutlich, was sich auch in unterschiedlichen Therapiestrategien äußert.
Lungenkrebs neigt wie andere Tumorarten auch dazu, sich mit dem
Lymphgefäßsystem oder dem Blut im Körper auszubreiten und sog.
Tochtergeschwulste (Metastasen) zu bilden. Zu den Metastasierungsorten gehören
andere Anteile oder die andere Seite der Lunge, die Leber, die Knochen und das
Gehirn, aber auch andere Organe können befallen sein.
Plattenepithelkarzinome zeigen von den genannten Karzinomen die geringste
Tendenz zum Metastasieren, so dass bei früher Erkennung oftmals eine alleinige
Operation ausreichend ist. In fortgeschrittenen Stadien und bei den anderen
Tumorarten ist jedoch in der Regel eine kombinierte Behandlung erforderlich.
Bei der ersten Diagnose eines Lungentumors muss zunächst die Ausdehnung
Erkrankung ermittelt werden. Hierzu gehören die Feststellung der Tumorgröße, des
Lymphknotenbefalls sowie die Frage nach eventuellen Metastasen. Daraus ergibt
sich eine Formel in der sog. TNM-Klassifikation (T = Tumorgröße, N =
Lymphknotenbefall, M = Metastasenbildung), die wiederum umgewandelt wird in eine
Stadieneinteilung, bei der wir die Stadien I-IV kennen. Die Stadien werden
nochmals unterteilt und a und b, wobei a jeweils das frühere Stadium und b die
etwas fortgeschrittenere Form darstellt.
Die erforderlichen Untersuchungen umfassen Röntgenbild und Computertomografie
des Brust- und Bauchraumes, ein Knochenszintigramm und ggf. eine
PET-Unrtersuchung. Bei der Mittelfeldspiegelung wird ein kleines Instrument in
den von Bindegewebe angefüllten Raum zwischen Herz und Lunge eingeführt. Hiermit
können die Lymphknoten angesehen werden.
Im Stadium Ia hat der Tumor eine Größe von maximal 3 cm, in Stadium Ib ist er
bereits größer als 3 cm, Lymphknoten sind aber in beiden Stadien nicht befallen
(N0), und Fernmetastasen (M0) sind ebenfalls nicht nachzuweisen.
In dem Stadium IIa hat der Tumor wesentlich mehr an Größe zugenommen, aber
noch keine Lymphknoten befallen. In dem Stadium IIb ist die Tumorgröße weiter
fortgeschritten oder Lymphknoten innerhalb der Lunge sind bereits befallen.
In den Stadien IIIa und IIIb hat sich entweder der Tumor auf die Brustwand
bzw. das Zwerchfell in Lungennähe ausgedehnt, oder es liegt ein Befall weiter
entfernter Lymphknoten vor.
In Stadium IV liegt ein Nachweis von Fernmetastasen in einem oder mehreren
Organen vor. Die Tumorgröße, Ausdehnung und der Lymphknotenbefall spielen für
die Stadieneinteilung in diesem Fall keine Rolle mehr.
Die Therapie des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms
Nach der Feststellung der Ausdehnung der Erkrankung muss überlegt werden, ob
eine Operation möglich ist. Diese sollte auf jeden Fall angestrebt werden,
manchmal ist es erforderlich und sinnvoll, vor der Operation eine Chemotherapie
durchzuführen.
Bei der Operation werden unterschiedlich große Anteile der Lunge entfernt.
Dies kann für Patienten eine Einschränkung der Lungenfunktion bedeuten, was
insbesondere dann gut überlegt werden muss, wenn bei dem Patienten eine
Lungenerkrankung wie z. B. eine fortgeschrittene chronische Bronchitis
vorliegt.
Während der Einsatz der Chemotherapie beim Lungenkrebs nach Operation lange
Jahre umstritten war, zeigen jetzt zunehmend große Studien, dass nach
erfolgreicher Operation eine Chemotherapie die Überlebenszeit ohne Rezidiv und
auch die gesamte Überlebenszeit der Patienten sowie auch die Rate der Patienten,
die kein Rezidiv erleiden, erhöhen kann. Für die Chemotherapie des
nichtkleinzelligen Bronchialkarzinoms werden unterschiedliche
Medikamentenkombinationen eingesetzt. Meist ist die Substanz Cisplatin oder eine
verwandte Substanz enthalten. Aufgrund der unterschiedlichen Nebenwirkungen der
verschiedenen Chemotherapiemittel kann die Therapie mit dem Patienten
individuell abgestimmt werden.
Eine Strahlentherapie kommt beim nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom dann in
Frage, wenn entweder primär eine Operation nicht möglich ist oder bei einer
Operation doch Tumorreste im Körper belassen wurden. Eine Kombination mit
einer Chemotherapie entweder nach-einander oder als kombinierte Therapie ist
dann eine Therapiemöglichkeit.
Die Therapieentscheidung ist insbesondere im Stadium IIIa schwierig, da hier
die Frage der Möglichkeit der kompletten Entfernung des Tumors in der Operation
vorab schwierig zu bestimmen ist. In diesen Situationen kann eine Chemotherapie
der geplanten Operation vorangestellt werden, es ist aber auch möglich, sich
primär für eine kombinierte Radiochemotherapie zu entscheiden oder zunächst die
Operation anzustreben und dann eine sog. adjuvante Behandlung anzuschließen.
Im Stadium IIIb kann versucht werden, über eine neoadjuvante Therapie eine
Operabilität zu erreichen, die Alternative ist wie im Stadium IV, sich primär
für eine Chemotherapie oder kombinierte Radiochemotherapie zu entscheiden.
Bei nach der ersten Therapie weiter fortschreitenden Tumoren stehen heute
verschiedene Möglichkeiten der Chemotherapie, entweder als Einzel- oder
Kombinationstherapie zur Verfügung.
Wirksame Chemotherapiemittel beim nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom sind
Cisplatin, Etoposid, Gemcitabine, Vinorelbine, Carboplatin, Irinotecan sowie
Pemetrexed, Docetaxel und Paclitaxel. Während bei der ersten Chemotherapie oft
eine Kombination aus zwei Substanzen verwendet wird, ist in der zweiten
Chemotherapie bei einem Rezidiv eine Kombination der Einzeltherapie nicht
überlegen.
In den letzten Jahren wurden neue Substanzen entwickelt, die gezielt
Stoffwechselvorgänge in Tumorzellen vermindern bzw. die Durchblutung von
Tumorknoten beeinflussen. Ihr Stellenwert insbesondere auch im Zusammenhang mit
einer Chemotherapie wird derzeit erforscht. Zu diesen Substanzen gehören
Gefitinib und Erlotinib (Iressa® und Tarceva®).
Während Gefitinib nach ersten erfolgsversprechenden Untersuchungen in der
Wirksamkeit enttäuscht hat und wir vermutlich erst lernen müssen, welche
Untergruppe von Patienten von der Therapie profitiert, ist Erlotinib in
Deutschland zugelassen.
Besonders profitieren Patienten, die nie geraucht haben, Frauen und seltene
Tumorarten in der feingeweblichen Untersuchung (sog. Adenokarzinome).
Die Therapie des kleinzelligen Bronchialkarzinoms
Das kleinzellige Bronchialkarzinom zeichnet sich durch eine hohe Rate der
Streuung und Metastasenbildung aus. Aus diesem Grund ist in aller Regel eine
Operation nicht sinnvoll, sondern es wird mit einer primären Chemotherapie oder
kombinierten Chemotherapie und Bestrahlung behandelt.
Bei erfolgreicher Therapie mit gutem Ansprechen des Tumors wird außerdem
aufgrund des hohen Risikos der Entstehung von Gehirnmetastasen den Patienten
meist eine Schädelbestrahlung angeboten. Hierdurch kann das Risiko der
Entstehung von Hirnmetastasen deutlich gesenkt werden. Dem gegenüber stehen
jedoch auch die entsprechenden Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen sowie
Einschränkungen der Konzentrations- und Merkfähigkeit.
Palliative Therapie
Wenn der Tumor durch Einwachsen in einen Bronchus zu Beschwerden (Luftnot,
Blutung) führt, so kann während einer Spiegeluntersuchung mittels Laser ein Teil
des Tumors abgetragen werden. Verengte Bronchien können durch ein eingelegtes
Metallgitter oder Röhrchen (Stent) offen gehalten werden.
Therapieangebot für Patienten mit Lungenkrebs in der Habichtswald-Klinik
Patienten mit der Erstdiagnose bzw. nach Abschluss der Therapie oder bei
Rezidiv haben die Möglichkeit, im Rahmen der second opinion bei uns eine
zweite Meinung einholen.
Patienten können in unserem Haus zur gezielten Durchführung einer
Chemotherapie aufgenommen werden. Es ist auch möglich, im Rahmen einer
Anschlussheilbehandlung oder Rehabilitation einzelne Kurse einer Chemotherapie
zu machen. In ausgewählten Fällen können durch eine Kooperation mit einer
Strahlenpraxis während eines stationären Aufenthaltes Bestrahlungen durchgeführt
werden.
Anschlussheilbehandlung und Rehabilitation
Als Bestandteile einer ganzheitlichen Abteilung tragen alle unsere
therapeutischen Angebote gemeinsam zu der Wiedererlangung der Einheit von
Körper, Geist und Seele bei.
Patienten, die zu einer Anschlussheilbehandlung im Rahmen einer
Rehabilitation zu uns kommen, erfahren eine intensive Begleitung der Therapie,
die zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität führen soll.
Im Rahmen einer Anschlussheilbehandlung und Rehabilitation werden Patienten
fachärztlich und pflegerisch betreut. Ist nach einer Operation noch eine
Wundversorgung erforderlich, so erfolgt diese durch kompetente Pflegekräfte.
Evtl. bestehende Schmerzen werden im Rahmen unseres besonderen
schmerztherapeutischen Konzeptes behandelt.
Bei Patienten mit Einschränkungen durch Hirnmetastasen oder
Schädelbestrahlungen erfolgt eine liebevolle Betreuung durch Pflegekräfte, mit
der wir versuchen, die Patienten wieder zu mehr Selbständigkeit in der
Verrichtung der täglichen Aktivitäten zu befähigen.
Im Rahmen der Behandlung eines Patienten mit einem Bronchialkarzinom gibt es
keine komplementäre Therapie, die Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie
ersetzen kann. Wir wissen aber, dass komplementäre Verfahren die Lebensqualität
während und nach der schulmedizinischen Therapie erhöhen können. Unter
komplementären Verfahren verstehen wir gezielt eingesetzte
Nahrungsergänzungsmittel und die Pflanzenheilkunde.
Darüber hinaus hat sich die Naturheilkunde zum Ziel gesetzt, das unter der
Krebserkrankung und der Schulmedizin leidende Immunsystem zu stärken und in
seinem Kampf gegen die Krebserkrankung zu unterstützen.
Ganzheitliche Medizin bedeutet für den Krebspatienten die Berücksichtigung
aller Dimensionen des Lebens, also neben rein körperlichen Gesichtspunkten auch
die geistigen und seelischen Aspekte.
Viele Therapieansätze aus der Ganzheitsmedizin zielen nicht direkt auf die
Zerstörung des Tumors, sondern auf die Stärkung der körpereigenen Kräfte und die
die Förderung der Gesundung (Salutogenese).
Eine begleitende und wieder aufbauende psychologische Betreuung soll die
Erfahrung der lebensbedrohlichen Erkrankung überwinden helfen und ein positives
Gestalten der eigenen Zukunft ermöglichen. Speziell onkologisch erfahrene
Psychotherapeuten begleiten unsere Patienten in Gruppentherapien und
Einzeltherapien. Durch Einzeltherapien ist es möglich, nicht nur die
unmittelbare Verarbeitung der Krebsdiagnose, sondern auch in der
Lebensgeschichte der Patienten liegende Probleme zu thematisieren und gezielt zu
bearbeiten.
So gelingt auch für Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium eine
deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Wir gehen davon aus, dass durch diese
verbesserte Lebensqualität auch die körpereigenen Abwehrkräfte gestärkt werden.
Wesentlich tragen die Mitarbeiter der Krankengymnastik und der Bäder- und
Massageabteilung dazu bei, dass der Patient körperliches Wohlbefinden
wiedererlangt. Im Rahmen der Krankengymnastik, Sporttherapie und in der Massage-
und Bäderabteilung werden verschiedene Therapieformen eingesetzt, um gezielt die
körperliche Leistungs-fähigkeit zu verbessern und wieder Zutrauen in den eigenen
Körper zu finden und auch auf diesem Weg einen höhere Lebensqualität zu
erreichen.
Hierzu gehören in der Anfangsphase gezieltes Atemtraining und Atemgymnastik,
unterstützt durch leichte weitere Gymnastik einzeln oder in der Gruppe. Dies
kann langsam aufgebaut und gesteigert werden bis hin zur medizinischen
Trainings- und Sporttherapie.
Die Ernährung ist ein wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Therapie.
Es gibt keine gezielte Krebsdiät, die den Tumor beseitigen könnte, aber durch
eine gesunde Ernährung kann viel zur Stärkung des Körpers beigetragen werden.
Dabei muss die Krankheits-geschichte des Patienten berücksichtigt werden.
Deshalb bieten wir verschiedene Formen einer vollwertigen Ernährung und
Vitalkost (ausgewogene Form der Makrobiotik), aber auch alle medizinisch
erforderlichen Diäten an. Darüber hinaus können Patienten in unserem Haus die
ayurvedische Ernährung kennen lernen.
Bei vielen Patienten ist es schon vor der Diagnosestellung, dann aber auch in
der Phase der Operation und Therapie zu einer deutlichen Gewichtsabnahme
gekommen. Hier setzt eine gezielte Ernährungstherapie unter Berücksichtigung der
verschiedenen Diätformen ein. Wo erforderlich, kann eine unterstützende, über
die Vene gegebene Ernährung erfolgen.
Bei der Diagnose Krebs taucht bei vielen Patienten die Frage nach dem Sinn
auf. Hier bietet unsere Klinik einzigartige Möglichkeiten, auf freiwilliger
Basis verschiedene Angebote zu nutzen, um sich mit diesem Thema
auseinanderzusetzen. Hierzu gehören vorbereitend Entspannungsverfahren und ein
nicht konfessionell gebundenes spirituelles Angebot von Meditationen über
Sakralen Tanz bis hin zum gemeinsamen Singen.
Wesentlich zur Wiedererlangung der eigenen Kräfte und Freude am eigenen
Schaffen ist die freiwillige Teilnahme am kreativen Angebot.
Patienten, die mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen in unser Haus kommen,
werden umfassend und vertrauensvoll über das für und wider jedes
Behandlungsschrittes sorgfältig im Gespräch zwischen Arzt und Patient
aufgeklärt. Auch hier ist die Autonomie des Patienten in seiner freien bewusst
getroffenen Entscheidung unser oberstes Handlungsgebot.
In der palliativen Situation begleiten wir Patienten in Würde in dem
Umfang.
Stand 27.06.07