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Nierenzellkarzinom

Habichtswald-Klinik Kassel

 

Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie

Die Häufigkeit des Nierenzellkarzinoms liegt bei 10 von 100000 Einwohnern. Diese Angaben beziehen sich auf westeuropäische Länder. In den Entwicklungsländern liegt die Erkrankungshäufigkeit deutlich darunter (1-3 bezogen auf 100000 Menschen).
Männer sind von dieser Erkrankung etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Der überwiegende Teil der Betroffenen hat das 50. Lebensjahr überschritten. 

Die genaue Ursache des Nierenzellkarzinoms ist nicht bekannt. Vererbt wird eine spezielle Form, die im Rahmen der seltenen Hippel-Lindau-Erkrankung auftritt. Auch Patienten, die chronische Nierenerkrankungen haben wie eine ausgedehnte Zystenbildung (polizystische Nephropathie) haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Nierenzellkarzinoms.Viele Umweltstoffe werden für die Entstehung des Nierenzellkarzinoms verantwortlich gemacht. Hierzu gehören Rauchen, bestimmte Chemikalien wie Asbest, Blei, Cadmium, Lösungsmittel und Treibstoffe, Alkohol und (in Deutschland nicht mehr eingesetzte) Schmerzmittel. Auch Übergewicht scheint mit einem erhöhten Risiko einherzugehen.

Symptome und Diagnostik:

Beim Nierenzellkarzinom gibt es im Frühstadium keine typischen Krankheitserscheinungen. Aus diesem Grund werden über die Hälfte (60%) der Erkrankungsfälle zufällig bei einer Ultraschalluntersuchung festgestellt. Ein wichtiges Warnsignal sind Blutbeimengungen im Urin, die unbedingt abgeklärt werden sollten.

Erst bei einem fortgeschrittenen Nierenzellkarzinom können Schmerzen in der Flanke, eine tastbare Schwellung, Fieber, Blutarmut, Gewichtsverlust und Leberfunktionsstörungen auftreten. Es kann auch zur Freisetzung bestimmter Hormone kommen, die dann eine Erhöhung des Kalziumspiegels, einen Bluthochdruck oder Blutbildveränderungen verursachen.

Einteilung:

Beim Nierenzellkarzinom werden unterschiedliche Typen, die abhängig von der bösartig vermehrten Zellart sind, unterschieden. Das häufigste ist das sog. klarzellige Nierenzellkarzinom, seltener sind papilläre und chromophobe Karzinome. Durch die Einführung neuer Medikamente scheint die Einteilung dieser Nierenzellkarzinome in Zukunft für die Auswahl der geeigneten Therapie eine große Bedeutung zu bekommen.  

In Nierenzellkarzinomen werden bestimmte genetische Veränderungen, die dann zum bösartigen Wachstum führen, gefunden. Hierzu gehört insbesondere eine Mutation im sog. von-Hippel-Lindau-Gen. Diese Mutationen können auch bei den nicht vererbten Fällen auftreten. Sie führen dazu, dass ein Protein in der Zelle, der sog. hypoxieinduzierbare Faktor alpha (HIF-alpha) in der Zelle vermehrt vorkommt. Dieser aktiviert verschiedene Wachstumsfaktoren, die das Tumorzellwachstum, aber auch die Durchblutung des Tumors fördern (VEGF, PDGF und TGF).

Diese Mutation am von-Hippel-Lindau-Gen ist hauptsächlich beim klarzelligen Nierenzellkarzinom verändert. Auch beim papillären Nierenzellkarzinom konnte mittlerweile eine häufig vorkommende krebsbegünstigende Mutation gefunden werden (c-MET).

Zur Diagnostik wird neben der Anamnese und körperlichen Untersuchung sowie der Harnuntersuchung vor allen Dingen der Ultraschall eingesetzt. Ergibt die Ultraschalluntersuchung kein eindeutiges Ergebnis, sollte ein Computertomografie durchgeführt werden, die auch Hinweise auf evtl. weitere Tumorabsiedelungen im Bauchraum geben kann.

Ist auch danach der Befund nicht eindeutig, so sollte vor der Operation eine Gewinnung von Tumorgewebe durch eine Biopsie (sog. Feinnadelbiopsie) erfolgen.

Durch CT und ggf. auch weitere radiologische Untersuchungen kann die Ausdehnung der Tumorerkrankung so genau bestimmt werden, dass die Operation optimal geplant werden kann.

Die Einteilung erfolgt nach dem sogenannten TNM-System und richtet sich nach der Größe des Karzinoms und der Ausbreitung in benachbartes Gewebe. Zusätzlich werden Angaben zu möglicher Weise befallenen Lymphknoten und Fernabsiedlungen gemacht.

Bei dem Tumorstadium bedeutet T1 einen bis zu maximal 7 cm großen Tumor, der auf die Niere begrenzt ist, T2 einen Tumor größer als 7 cm, ebenfalls noch begrenzt auf die Niere. T3 bedeutet eine Ausbreitung in die größeren Venen, in die benachbart liegende Nebenniere oder das umgebende Fettgewebe. Ein T4-Tumor hat sich über die die Niere umgebende bindegewebige Hülle ausgebreitet. N beschreibt den Lymphknotenbefall (von lateinisch nodulus = Knoten), wobei N0 bedeutet, dass die Lymphknoten frei sind und N1 und N2 Metastasen in den unmittelbar benachbarten oder in anschließenden Lymphknotenregionen beschreiben. M bezeichnet die Metastasierung, auch hier mit der Verschlüsselung M0 kein Nachweis von Fernmetastasen und M1 ein positiver Nachweis von Metastasen.

Nach der Operation gibt der Pathologe neben der Tumorzellart (klarzellig...) auch das sog. Grading an. Hiermit wird beschrieben, wieweit die mutierten Tumorzellen sich von den ursprünglich gesund aussehenden Zellen entfernt haben. Eine Grundregel besagt, dass differenzierte, den ursprünglichen Zellen ähnliche Tumoren, langsamer und weniger aggressiv wachsen als entdifferenzierte. G0 und G1 sind hoch- bzw. gut differenzierte Tumoren, G2 mäßig differenzierte, G3 schlecht und G4 undifferenzierte Tumoren.

Therapie:

Bei der Therapie steht die Operation an erster Stelle. Ist die gesunde verbleibende Niere voll funktionsfähig, so wird die betroffene Niere operativ entfernt. Dies kann über einen Flankenschnitt oder Bauchschnitt erfolgen. Bei dieser Operation werden die Niere, die Nebenniere, die Fettkapsel und eine die Niere umgebende Faserschicht (Gerotasche Faszie) entfernt.

Unter bestimmten Bedingungen wird bei einem bösartigen Befund nur ein Teil der Niere entfernt. Dies ist sinnvoll, wenn die betroffene Niere für die gesamte Ausscheidungsfunktion zuständig oder das Karzinom sehr klein ist und sich in gut zugänglichen Randbezirken befindet. Voraussetzung ist, dass bei dieser eingeschränkten Operation der Tumor vollständig entfernt wird.

Auch Patienten mit einzelnen Fernabsiedlungen (z. B. im Knochen) können von einer operativen Entfernung der Niere profitieren, da vermutlich die Entfernung der Haupttumormasse zu einer Verbesserung des Gleichgewichtes zwischen Immunsystem und Tumor führt. Einzelne Fernabsiedlungen können ebenfalls mit gutem Erfolg operiert werden.

Die Entfernung der Lymphknoten dient dazu, das Ausmaß der Erkrankung zu erfassen und möglicherweise befallene Lymphknoten zu entfernen.

Gelingt eine komplette Entfernung des Tumors mit ausreichend Sicherheitsabstand, und gibt es keinen Hinweis auf eine Streuung des Tumors, so ist eine weitere Therapie nicht erforderlich. Die Patienten sollten allerdings engmaschig durch Sonographie und ggf. CT kontrolliert werden.

Ob eine bei anderen Tumorarten bereits etablierte unterstützende sog. adjuvante Therapie sinnvoll ist, kann noch nicht entschieden werden. Chemotherapien haben in dieser Situation auf jeden Fall keinen Platz. In Studien wird momentan überprüft, ob moderne sog. „kleine Moleküle“ einen zusätzlichen Schutz vor einem Rückfall bieten. 

Ist der Tumor fortgeschritten oder sind Metastasen vorhanden, so gibt es unterschiedliche Therapieoptionen. Meistens ist es trotz allem sinnvoll, zunächst den primären Tumor mit der Niere zu entfernen, um die sog. Tumorlast, also die Menge Tumor im menschlichen Körper, zu vermindern.

Im Anschluss daran kann eine weitere Therapie erfolgen, die das Wachstum der Metastasen verhindern soll. Während bis vor wenigen Monaten nur die Immun- oder Chemoimmuntherapie mit Interferon und Interleukin 2 ggf. in Kombination mit 5-FU als Chemotherapiemittel zur Verfügung stand, sind die heutigen Möglichkeiten sehr viel besser.

Interferon stellt immer noch die Basistherapie dar. Die Verträglichkeit ist je nach Intensität der Therapie individuell sehr unterschiedlich. Es können grippeähnliche Beschwerden, Kopfschmerzen und depressive Verstimmungen auftreten. Die Therapie wird über einen längeren Zeitraum ambulant durchgeführt, bei hohen Dosierungen ist eine stationäre Betreuung erforderlich. Eine besondere Form ist die Kombination mit Interleukin 2 und bei Lungenmetastasen die alleinige Inhalation von Interleukin 2, die aber angesichts der moderneren medikamentösen Therapien kaum noch durchgeführt wird.

Das Nierenzellkarzinom reagiert auf die Chemotherapien allein in der Regel nur schlecht. In den letzten Jahren wurden neue Medikamente entwickelt, die gezielt bestimmte Signalkaskaden in der Tumorzelle hemmen, dadurch das Wachstum stoppen und zu einem Absterben der Tumorzellen führen. Von diesen sog. „kleinen Molekülen“ sind drei in Deutschland für die Behandlung des Nierenzellkrebses zugelassen:

Sorafenib (Nexavar®) und Sunitinib (Sutent®) können bei Patienten eingesetzt werden, bei denen Interferon nicht hilft oder die eine Interferontherapie aus anderen Gründen nicht durchführen können. Temsirolinus ist für Patienten mit Hochrisikoerkrankung als erste Therapielinie zugelassen (siehe auch Kapitel targeted-therapies).

Temsirolinus hemmt einen Signalweg in der Zelle, der zur Bildung von HIF-alpha führt.

Eine weitere Therapiemöglichkeit stellt die Kombination aus Interferon und dem Antikörper Bevacizumab (Avastin®) dar. Bevacizumab bindet die Wachstumsfaktoren, die der Tumor an die Umgebung abgibt, um die Blutgefäßbildung zu verstärken. Bildlich gesprochen wird somit dem Tumor die Ernährungsmöglichkeit genommen (sog. Antiangiogenese) (siehe Kap. Antikörper)

Eine besondere Therapie stellt die Tumorimpfung (Vakzinierung) dar. Für Nierenzellkrebs wurde vor kurzem eine Studie veröffentlicht, die sehr gute Ergebnisse zeigte. Allerdings wird diese Studie wissenschaftlich noch sehr intensiv diskutiert und auch kritisiert. Eine Empfehlung zu einer Durchführung dieser Therapie außerhalb von wissenschaftlichen Studien an Universitätskliniken kann derzeit nicht ausgesprochen werden.  

Neben der direkten den Tumor angreifenden Therapie gibt es eine weitere Möglichkeit bei Knochenmetastasen, nämlich die Infusion sog. Biphosphonate, die den Knochen stabilisieren und vor der weiteren Entwicklung von Knochenmetastasen schützen.

Betreuung in der Habichtswald-Klinik, Kassel

Patienten können in unser Haus zur Chemotherapie oder Immuntherapie aufgenommen werden. Aufgrund der Erfahrung aller Mitarbeiter, der guten Begleittherapie und der allgemein ruhigen, unterstützenden Atmosphäre unserer Abteilung wird die Therapie in der Regel sehr gut vertragen. Für Patienten mit einem fortschreitenden Nierenzellkarzinom erarbeiten wir ein Konzept, das nach Klärung der individuellen Zielsetzung Elemente der universitären (Schul-) Medizin, der Naturheilkunde und psychologischen Begleitung enthält.

Direkte Einflussmöglichkeiten der Naturheilkunde auf den Verlauf der Tumorerkrankung konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Naturheilkundliche, komplementäre Verfahren können aber Beschwerden lindern und die Lebensqualität verbessern.

Der Sie betreuende Arzt hat eine koordinierende und informierende Funktion. Wir erleben unsere Patienten als aufgeschlossen und meist sehr gut informiert, aber oft fehlt die Sichtung und Bewertung der Informationen nach ihrer Relevanz für die eigene Situation - hierbei zu helfen und in die Zukunft weisende individuelle Konzepte gemeinsam zu erarbeiten, kann die vornehmlich ärztliche Aufgabe sein, wenn Sie es wünschen.

Patienten nach Operation eines Nierenzellkarzinom s kommen meist zur Anschlussheilbehandlung. Hier gilt das Augenmerk zunächst der Wundheilung und dem Wiederaufbau der Körperkräfte.

Hierzu dienen Krankengymnastik, Massagen und Sporttherapie als wesentliche Bestandteile einer Therapie.

Die Ernährung muss ggf. der Nierenfunktion angepasst werden.

Da viele Nierenzellkarzinome heute früh entdeckt und mit sehr guter Prognose operiert werden, stehen die meisten Patienten ihrer Zukunft uneingeschränkt positiv gegenüber und brauchen langfristig keine psychologische Begleitung. Die Zeit der AHB können Sie aber für Gespräche nutzen, die nicht nur die aktuelle Erkrankung, sondern auch den gesamten Kontext betrachten können. Hierzu gehört auch – ganz nach Ihrem Wunsch – die Teilnahme an Entspannungsverfahren, Meditationen, Tai Chi oder am kreativen Angebot.

Wesentlich zur Wiedererlangung der eigenen Kräfte und Freude am eigenen Schaffen ist die freiwillige Teilnahme am kreativen Angebot.

Patientinnen, die mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen in unser Haus kommen, werden umfassend und vertrauensvoll über das für und wider jedes Behandlungsschrittes sorgfältig in Gespräch zwischen Arzt und Patient aufgeklärt.

Die Behandlung von Schmerzen ist ein vorrangiges Ziel einer interdisziplinären Sichtweise von Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und Psychologen.

Stand 15.10.2008

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Aktualisiert am 01.10.2010 - Erstellt mit Zeta Producer Desktop CMS