Habichtswald-Klinik Kassel, Wigandstr. 1, 34131
Kassel
Dr. Jutta Hübner, Chefärztin der Abteilung Onkologie, Habichtswald Klinik,
Kassel
Die Behandlung von Krebs im Kindesalter hat in den vergangenen Jahrzehnten
erhebliche Fortschritte gemacht, so dass erfreulicher Weise immer mehr Kinder
von ihrer Krebserkrankung geheilt werden können. Das bedeutet aber auch, dass
wir uns mit den Folgeerscheinungen dieser Therapie beim jungen Erwachsenen
auseinandersetzen müssen. Nur wenige Zentren beschäftigen sich mit der Betreuung
dieser Patienten. Sie gehören nicht mehr zum Klientel des onkologisch erfahrenen
Kinderarztes, onkologisch erfahrene Internisten sind jedoch auch nicht die
typischen Ansprechpartner, da eine onkologische Erkrankung nicht vorliegt und
die Folgeerscheinungen einer Therapie im Kindesalter andere sind als die
Folgeerscheinungen beim Erwachsenen.
Bei den Spätfolgen einer Tumortherapie, die sich im Erwachsenenalter zeigen,
wird unterschieden körperlichen und psychischen Folgeerscheinungen sowie den
nicht zu vernachlässigenden sozialen Auswirkungen.
Die Folgeerscheinungen sind von vielen verschiedenen Faktoren abhängig.
Einmal die direkte Tumorerkrankung, ihr Ort, ihre Ausdehnung bei der Diagnose
und die durch den Tumor bereits hervorgerufenen Organfehlfunktionen. Bei der
Strahlentherapie kommt es auf die Dosis sowie das bestrahlte Körperareal an, bei
der Chemotherapie auf die Art der Medikamente und ihre Dosierung, bei der
Operation auf die Folgeerscheinungen der Operation.
Übersicht über chemotherapiebedingte Nebenwirkungen
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Medikament |
Betroffenes Organsystem |
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Anthracycline (z. B. Epirubicin, Doxorubicin, Mitoxantron) |
Auswirkungen am Herzmuskel und an der Lunge |
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Alkylanzien (z. B. Cyclophosphamid |
Fortpflanzungssystem, Entstehung von Zweittumoren |
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Topoisomerase-II-Inhibitoren (Etoposid) |
Zweittumoren |
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Platinderivate (Cisplatin, Carboplatin, Oxaliplatin) |
Niere, Hörsystem, Zweittumoren |
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Bleomycin |
Lunge |
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Methotrexat |
Gehirn |
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Vincristin |
Verdauungssystem, Nervensystem |
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Thioguanin |
Verdauungssystem, Leber |
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Intrathekale Chemotherapie (Gabe von Chemotherapiemitteln in das
Gehirnwasser) |
Gehirn |
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Cortisonpräparate (in vielen Chemotherapieprotokollen als
Begleitmedikation erforderlich) |
Gehirn, Knochen, Fettgewebe |
Auswirkungen am Nervensystem
Kognitive Fähigkeiten:
Kognitive Einschränkungen finden sich vor allen Dingen nach Therapien, die
direkt auf das Gehirn einwirken wie z. B. eine Hirnbestrahlung oder die
intrathekale Gabe von Chemotherapien (Gabe in das Gehirnwasser). Diese Therapien
sind erforderlich bei Tumoren des Gehirns, aber auch bei bestimmten Formen von
Leukämien.
Die Empfindlichkeit des Gehirns ist bei jüngeren Kindern erheblich höher ist
als bei älteren. Einschränkungen finden sich im Bereich der allgemeinen
Intelligenz, spezieller Fähigkeiten wie Lesen, Spracherwerb, Mathematik,
Gedächtnis, Ausdrucksfähigkeit, aber auch motorischen Fähigkeiten.
Das Ausmaß der Einschränkungen ist sehr unterschiedlich. Sie sind in der
Regel nur leicht ausgeprägt, so dass sie nur in speziellen Testverfahren
erkennbar sind. Erhebliche Einschränkungen sind sehr selten. Aufgrund dieser
Erkenntnisse wird versucht, die modernen Therapieprotokolle so zu modifizieren,
dass das Gehirn nur gering belastet wird, dabei jedoch kein schlechteres
Ergebnis in Bezug auf die Krankheitsbekämpfung auftritt. Dies ist insbesondere
bei der Behandlung von Leukämien im Kindesalter möglich.
Aber auch eine allgemeine Chemotherapie ohne Einbeziehung des Gehirns kann in
einigen Fällen zu kognitiven Einschränkungen, z. B. des Gedächtnisses und der
Konzentrations-fähigkeit führen, die sich nicht vollständig zurückbilden.
Auswirkungen am Kopf
Platinderivate wie Cisplatin und Carboplatin können darüber hinaus eine
Störung des Gehörs verursachen. Bei jungen Kindern kann dies sekundär auch zu
Sprachstörungen führen, so dass ein besonders intensives Training erforderlich
ist.
Bestrahlungen im Bereich des Ohres oberhalb von 30 Gray (Gray = Dosiseinheit
der Bestrahlung) können zur Entstehung einer chronischen Entzündung führen,
oberhalb von 50 Gray kann es auch zu Schädigungen des Ohrknorpels kommen.
Im Bereich der Augen kann es durch eine Chemotherapie mit 5-FU zu einer
verminderten Tränenflüssigkeitsproduktion oder Fibrose des Tränenganges kommen.
Eine Bestrahlung oberhalb von 50 Gray kann darüber hinaus zu Geschwürbildungen
im Bereich der Augenlider und Gefäßveränderungen führen. Im Bereich der
Bindehaut des Auges kann auch eine Bestrahlung Schädigungen auslösen, die sich
in einer vermehrten Empfindlichkeit, Geschwür- und Narbenbildungen äußern
können. Im Bereich der Augenlinsen kann es zu einer Lindentrübung kommen. Ist
auch die Netzhaut in die Bestrahlung einbezogen, so führen Dosierungen oberhalb
von 50 Gray zur Gefährdung des Sehvermögens.
Bestrahlungen oder Chemotherapie bei kleinen Kindern mit sich noch
entwickelnden Zähnen können zur Ausbildung von kleinen hypoplastischen Zähnen
führen. Auch die Speicheldrüsen können in ihrer Funktion erheblich eingeschränkt
werden, was sich in einer teilweise erheblichen Mundtrockenheit äußert.
Veränderungen des Zahnschmelzes machen die Zähne empfindlicher für Karies. Auch
im Erwachsenenalter sollte deshalb mindestens einmal jährlich eine zahnärztliche
Untersuchung erfolgen.
Verdauungssystem
Eine Chemotherapie kann zu einer akuten Leberfunktionsstörung führen,
langfristige Folgeerscheinungen sind heutzutage selten.
Häufiger kommt es jedoch zu gefährlichen Veränderungen der Lebergefäße im
Rahmen einer kombinierten Bestrahlung und Chemotherapie in Vorbereitung auf eine
Knochenmarks- oder Stammzelltransplantation (sog. veno-occlusive Erkrankung).
Durch Verschluss der Venengefäße kommt es zu einem Untergang von
Leberzellen.
Ist die Leber in ein Strahlenfeld einbezogen, so führen Dosierungen oberhalb
von 30 Gray ebenfalls zu Funktionsstörungen der Leber.
Chemotherapiemittel wie Methotrexat, Actinomycin-D, 6-Mercaptopurin und
insbesondere 6-Thioguanin können die Leber direkt schädigen, auch hier kann es
insbesondere bei Thioguanin zu einem Verschluss der Lebergefäße und anhaltender
Funktionsstörung mit Rückstau von Blut kommen.
Eine Bestrahlung des Darms kann zu Gefäßveränderungen mit Absterben von
Darmschleimhautzellen führen. Es entwickeln sich Geschwüre, die die
Nahrungspassage behindern, Nährstoffe werden vermindert resorbiert und es
besteht eine erhöhte Infektionsgefahr. Die Kombination mit einer Chemotherapie
erhöht das Risiko.
Bei einer Bestrahlung der Speiseröhre kann es zu narbigen Verengungen mit
Schluck-störungen kommen.
Muss im Rahmen der Tumorerkrankung bei einer Operation die Milz entfernt
werden, so besteht aufgrund des Ausfalls dieses wichtigen Immunorgans eine
erhöhte Infektionsgefahr für bestimmte Krankheitskeime, so dass auf die
prophylaktische Durchführung bestimmter Impfungen geachtet werden sollte und
rechtzeitig an Antibiotikagabe bei ersten Anzeichen eines Infektes gedacht
werden muss.
Herz-Kreislauf-System
Der Herzmuskel kann durch eine Bestrahlung der linken Brustseite geschädigt
werden.
Zu den Folgeerscheinungen gehören Entzündungen des Herzbeutels, des
Herzmuskels selber mit sich daraus entwickelnder Vernarbung (Fibrose), der
Herzmuskelgefäße und eine Funktionsstörung des Herzmuskels. Durch eine
Entzündung der Herzgefäße kann sich langfristig eine koronare Herzerkrankung
entwickeln. Außerdem kommen Herzrhythmus-störungen und Schädigungen der
Herzklappen vor. Bis zu einer Dosierung von 25 Gray scheinen nach neuesten Daten
keine anhaltenden Störungen aufzutreten.
In der Beratung der jungen Erwachsenen sollte darauf geachtet werden, dass
zusätzliche Risikofaktoren für das Herz-Kreislauf-System wie Übergewicht, hoher
Blutdruck, Rauchen, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen vermieden bzw.
rechtzeitig erkannt und behandelt werden.
Bei der Chemotherapie führen die sog. Anthracycline (Doxorubicin,
Daunorubicin, Idarubicin, Epirubicin, Metoxantron) zur Entwicklung einer
Herzmuskelfunktionsstörung. Frauen sind hiervon häufiger betroffen als Männer.
Die Gesamtdosis des jeweiligen Medikamentes ist hierbei entscheidend.
In den vergangenen Jahren wurde eine Substanz entwickelt, die den Herzmuskel
bei Gabe eines Anthracyclins schützen kann (Dexrazoxane).
Das Ausmaß der Veränderungen im Bereich des Herzmuskels wird in verschiedenen
Studien unterschiedlich beschrieben, auch die Anzahl der betroffenen Patienten
nach einer Therapie schwankt.
In der Nachsorge sollten regelmäßig EKG, Echokardiographie (Ultraschall des
Herzens) und ggf. weitere Untersuchungen erfolgen.
Atemwege
Eine Bestrahlung der Lunge führt zunächst zu einer akuten Entzündung
(Pneumonitis), kenntlich an Husten und Luftnot sowie verminderter
Belastbarkeit.
Das Chemotherapiemittel Bleomycin weist als typische Nebenwirkung die
Ausbildung einer Lungenfibrose oberhalb bestimmter Dosen auf.
Die Kombination von Chemotherapie und Bestrahlung erhöht auch im Bereich der
Lunge das Risiko für Spätfolgen.
Spätfolgen in der Lunge sind asthmaähnliche Symptome im Rahmen einer
obstruktiven Lungenerkrankung mit Verengung der Atemwege (Obstruktion). Es
treten aber auch Veränderungen des Lungengerüstes (Restriktion), Veränderungen
der kleinen Atemwege (Bronchiolitis) sowie der kleinsten Lungenbläschen
(Alveolitis) auf.
Das Risiko für eine anhaltende Funktionseinschränkung steigt, wenn es während
oder nach der Therapie zu einer Infektion der Lunge (Pneumonie) kommt.
Bei dem Verdacht auf eine Störung im Lungenbereich können neben
Röntgenunter-suchungen Messungen des Sauerstoffgehaltes im Blut und der
Lungenfunktion hilfreich sein.
Harnableitendes System
Das Chemotherapiemittel Cisplatin kann die Nierenfunktion einschränken. Bei
notwendiger Gabe bestimmter Antibiotika im Rahmen einer Infektionsbekämpfung in
der Folgezeit erhöht sich das Risiko. Weniger toxisch ist die Substanz
Carboplatin, die seit ihrer Entwicklung in den 90iger Jahren häufiger anstelle
von Cisplatin eingesetzt wird. Auch die Substanz Ifosfamid kann ab einer
bestimmten Dosierung bei kleinen Kindern zu einer Nierenfunktions-einschränkung
führen.
Die Bestrahlung der Niere, z. B. bei einem Nierentumor im Kindesalter, kann
ebenfalls zu Veränderungen der Nierenfunktion führen.
Nierenfunktionsstörungen können sich in allgemeiner Erschöpfung, schlechtem
Wachstum im Kindesalter, Blutarmut, verminderter Harnausscheidung, hohem
Blutdruck, Ödemen und Ausscheidung von Zucker oder Eiweiß im Urin ausdrücken.
In der Nachsorge sollten deshalb regelmäßig die entsprechenden Laborwerte aus
Blut und Urin bestimmt werden.
Eine Chemotherapie mit Cyclophosphamid oder Ifosfamid oder eine Bestrahlung
der Harnblase mit mehr als 30 Gray kann zu einer Entzündung und in der Folge
Vernarbung (Fibrose) des Harnblasengewebes führen. Dies äußert sich in
vermehrtem Harndrang, häufigem Wasserlassen, ungünstigstenfalls in
Inkontinenz.
Hormone und Drüsenfunktionen
Schilddrüse
Lag die Schilddrüse im Bestrahlungsfeld, so kann es zu einer anhaltenden
Funktionsstörung kommen. Diese sog. Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)
lässt sich durch einfache Blutuntersuchungen nachweisen. Die Therapie besteht im
Ersatz der natürlichen Hormone in Tablettenform. Erfolgt sie nicht konsequent,
so können sich in der Folge Schädigungen weiterer Organe, z. B. des Herzmuskels,
ausbilden.
Nicht nur die Bestrahlung der Schilddrüse selbst, sondern auch des Gehirns
kann über das Steuerungshormon (TRH) zu einer Schilddrüsenunterfunktion führen,
die ebenso wie die Schilddrüsenunterfunktion selber durch die natürliche
Hormongabe behandelt wird. Anzeichen dafür sind leichte Erschöpfbarkeit,
Gewichtszunahme, trockene Haut, Kälte-intoleranz bis Kälteempfindlichkeit,
schütteres Haar, Verstopfung, Menstruationsunregel-mäßigkeiten, verzögerte
Pubertät, langsamer Herzschlag und niedriger Blutdruck. Erst oberhalb von Dosen
von 45 Gray ist mit einer verminderten TSH-Produktion zu rechnen.
Wachstumsfaktoren
Bei einer Bestrahlung des Hypothalamus (Hirnregion, die die Steuerung von
Drüsen-funktionen überwacht) und der Hirnanhangsdrüse kann es zu Störungen in
übergeordneten Hormonsystemen kommen. Hierzu gehört auch die Bildung des
Wachstumsfaktors, so dass es bei Kindern zu einem Kleinwuchs kommen kann. Auch
dieses Hormon kann mittlerweile medikamentös ersetzt werden. Bei einer Dosis von
24 Gray ist bei 30% der Patienten mit einem Wachstumshormonmangel zu rechnen, ab
45 Gray bei praktisch 100% der Patienten.
Cortisol
Die Sekretion des lebenswichtigsten Hormons Cortisol aus der Nebenniere wird
über ein Steuerungshormon aus der Hirnanhangsdrüse kontrolliert (ACTH). Fällt
dieses aus, so kommt es zu allgemeiner Schwäche, Appetitlosigkeit,
Gewichtsverlust, Flüssigkeitsverlust, niedrigem Blutdruck. Hier ist eine
entsprechende Hormonsubstitution mit Kortison lebensnot-wendig. Erst oberhalb
von Dosen von 45 Gray ist mit einer verminderten TSH-Produktion zu rechnen.
Hoden- und Eierstöcke
Fallen durch eine Bestrahlung des Gehirns auch die die Eierstöcke bzw. Hoden
steuernden Zentren aus, so kommt es zum Ausbleiben der Pubertät bzw. bei älteren
Kindern zu einem Stop der Pubertät. In der Folge bilden sich die bekannten
Folgeerscheinungen eines Hormonmangels aus. Bei 25-50 Gray ist bei ca. 15% der
Patienten mit einem kompletten oder partiellen Mangel zu rechnen.
Ab einer Dosis von 3-4 Gray direkt auf die Hoden kommt es zu einem bleibenden
Ausfall der Spermienbildung. Ab 12 Gray kann sich bei Männern auch ein
Testosteronmangel ent-wickeln.
Bei der Chemotherapie stellt insbesondere das Medikament Cyclophosphamid
einen Schädigungsfaktor für die Ausbildung von Spermien dar. Gleiches gilt für
die verwandte Substanz Ifosfamid. Bei beiden Substanzen besteht eine
Dosisabhängigkeit, so dass hohe Dosierungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu
einem Ausfall der Spermienbildung führen.
Auch bei der Gabe von Procarbacin, Busulphan, Melphalan, Dacarbacin und CCNU
bzw. BCNU kann es zu einer Einschränkung der Spermienbildung kommen.
Die Chemotherapie mit Cyclophosphamid und Etoposid kann zu einer Störung der
Leydig-Zellen führen, die für die Testosteronbildung verantwortlich sind.
Ab einer Bestrahlungsdosis von 5-6 (-8) Gray kommt es bei 60% der Frauen zu
einem Ausfall der Eierstocksfunktion mit fehlendem Eisprung, aber auch Ausfall
der Geschlechts-hormonbildung. Wird der gesamte Bauchraum bestrahlt, so führen
Bestrahlungen mit 25-30 Gray zu einer erhöhten Rate an Fehlfunktionen. Auch eine
intensive Chemotherapie, z. B. in Vorbereitung auf eine Knochenmarks- oder
Stammzelltransplantation, kann zu einer verminderten Eierstocksfunktion
führen.
Für Männer wie für Frauen gilt, dass bereits ab der Pubertät regelmäßig eine
fachärztliche Begleitung durch einen Endokrinologen erfolgen sollte, um den
natürlichen Wachstums- und Reifungsprozess herbeizuführen. Auch im
Erwachsenenalter ist eine regelmäßige Hormonsubstitution erforderlich. Diese
führt nicht wie die Hormongabe nach den Wechseljahren bei der Frau zu einem
erhöhten Krebsrisiko.
Auch nach einer Hochdosis-Chemotherapie mit Knochenmarks- oder
Stammzelltransplan-tation kann eine junge Frau normale Fruchtbarkeit erlangen
und schwanger werden.
Geschlechtshormone der Frau
Der Ausfall der Geschlechtshormone, aber auch eine Bestrahlung allein
oberhalb von 40 Gray kann zu Schleimhautschädigungen im Bereich der Vagina mit
leichterer Verletzlichkeit, Schmerzempfindlichkeit und Verengungen führen. Eine
Bestrahlung der Gebärmutter kann ebenfalls zu einer klein bleibenden Gebärmutter
mit Narbenbildungen (Fibrose) führen, so dass es zu Fehl- und Frühgeburten
kommen kann.
Familienplanung
Kommt es beim Mann nach einer Krebstherapie im Kindesalter zu einer
ausreichenden Spermienbildung, so ist eine Zeugung möglich, die Rate an
Fehlbildungen bei diesen Kindern ist nicht erhöht.
Wird eine Therapie beim Jungen oder jungen Mann durchgeführt, nachdem die
Pubertät eingesetzt hat, können bei einer zu erwartenden Schädigung des Hodens
auch Spermien gewonnen werden, die später für eine künstliche Befruchtung
verwendet werden können.
Problematischer ist die Situation beim Mädchen und der jungen Frau. Bisherige
Versuche, die Fruchtbarkeit durch Ruhigstellung der Eierstöcke oder Entnahme von
Eierstockgewebe und Reimplantation zu erhalten, zeigen erste Erfolge.
Die Fehlbildungsrate bei einer Schwangerschaft nach einer Tumortherapie im
Kindesalter ist bei der Frau nicht unbedingt erhöht, jedoch kommt es durch
Veränderungen im Bereich der Gebärmutter wie oben geschildert zu einer erhöhten
Rate von Früh- und Fehlgeburten.
Bewegungsapparat
Insbesondere die Gabe von Kortisonpräparaten während der Chemotherapie führt
zu Veränderungen am Bewegungsapparat in Form von Muskelschwäche und
Muskelatrophie, welche jedoch durch Training wieder aufgebaut werden kann. Eine
einsetzende Osteoporose mit erhöhter Frakturgefahr sowie der Untergang von
Knochengewebe (Nekrose), insbesondere im Bereich der Oberschenkelköpfe sind
schwieriger zu behandeln.
Bei Kindern im Wachstumsalter führt die Bestrahlung der Wachstumszone von
Knochen im Bereich der Extremitäten zu einer Knorpelschädigung und damit zu
einem verminderten Wachstum an dieser Stelle.
Die längerfristige Kortisongabe führt zu Veränderungen im Bereich des
Fettgewebes mit Übergewicht. Es besteht in der Folge die Gefahr der Ausbildung
eines sog. metabolischen Syndroms mit Fett- und Zuckerstoffwechselstörung,
Bluthochdruck und sich dann entwickelnden Schädigungen im
Herz-Kreislauf-Bereich. Dies wird auch gefördert durch Ausfälle im Bereich der
Hormonsysteme wie oben beschrieben. Hier sind eine regelmäßige Betreuung der
Patienten, Hormonsubstitution und Aufklärung über Risikoverhalten und
Risikofaktoren hilfreich.
Psychosoziale Auswirkungen
Eine Krebserkrankung im Kindesalter stellt nicht nur für den kleinen
Patienten, sondern auch für die gesamte Familie eine erhebliche Belastung dar.
Oft wochen-, monate-, manchmal jahrelange Behandlungen verändern soziale
Kontakte, beeinträchtigen den Schulbesuch und haben erhebliche emotionale und
soziale Auswirkungen. Notwendige Therapien sind gerade für Kinder, denen nur
schwer erklärt werden kann, welche Bedeutung die Erkrankung und die Therapie
haben, Angst auslösend und belastend. Die frühe Auseinandersetzung mit Leid und
Tod im Kindesalter stellt eine erhebliche Herausforderung dar.
So kommt es bei einem hohen Anteil der Behandelten zu einer sog.
posttraumatischen Belastungsstörung.
Leider gibt es nur wenig strukturierte Angebote für Erwachsene nach einer
Krebserkrankung im Kindesalter.
Die Habichtswald-Klinik in Kassel hat deshalb in den Abteilungen Onkologie
und Psychosomatik Möglichkeiten geschaffen, Patienten entsprechend zu
betreuen.
In der Psychosomatischen Abteilung besteht im Rahmen einer
psychoonkologischen Gruppe in einem geschlossenen Rahmen ein Angebot, das sich
insbesondere auf die psychische Belastung und die dadurch ausgelösten oder
verstärkt empfundenen körperlichen Einschränkungen konzentriert.
In einer Gruppe für junge Erwachsene, die sich nicht nur an onkologische
Patienten richtet, werden dagegen schwerpunktmäßig Themen wie Ablösung vom
Elternhaus, Schule und Studium, Partnerwahl, krankheitsfördernde
Wertevorstellungen unserer Gesellschaft fokussiert. Der Schwerpunkt liegt auf
der Gruppentherapie und neben der tiefenpsychologisch fundierten
Gesprächstherapie werden Methoden wie Systemische Therapie, Psychodrama,
Theatertherapie und Kreativitätsspiele miteinbezogen.
Ein bis zweimal pro Woche finden Einzelgespräche für 20-30 Minuten statt. Der
thematische Schwerpunkt ist, basierend auf der therapeutischen Vereinbarung, die
Änderung alter Gewohnheiten und Neustrukturierung des Alltags.
In der Abteilung Onkologie widmen wir uns den körperlichen Einschränkungen
und Folgeerscheinungen der Krebstherapie im Kindesalter. Dieses Angebot richtet
sich sowohl an junge Erwachsene, aber auch an bereits voll im Berufs- bzw.
Familienleben stehende ehemalige Patienten. Wir bieten auch Begleitung mit einem
an die persönlichen Bedürfnisse angepassten mehr oder weniger intensiven
psychoonkologischen Programm.

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