Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Wachstumsfaktoren stellen unterschiedliche biologische Moleküle
dar, die im Körper Zellen zum Wachstum anregen können. Die meisten
Wachstumsfaktoren wirken nur auf bestimmte Zellen. Ihre Wirkung kommt dadurch
zustande, dass sie mit dem Blutstrom in die Nähe der Zelle kommen oder von
anderen Zellen in der Umgebung abgegeben werden. Auf der Zelloberfläche befinden
sich Rezeptoren für diese Faktoren, die spezifisch bestimmte Wachstumsfaktoren
binden. Durch die Bindung des Wachstumsfaktors an den Rezeptor werden im Inneren
der Zelle Stoffwechselvorgänge aktiviert. Hierbei kommt es zu einer Reihe von
nacheinander geschalteten biochemischen Vorgängen, die wir als Signalkaskade
bezeichnen. Unterschiedliche Wachstumsfaktoren führen in unterschiedlichen
Zellen zu unterschiedlichen Signalkaskaden.
Die moderne Medizin macht sich das Wissen um diese Mechanismen zunutze, um
gezielt das Wachstum von Tumorzellen zu unterdrücken.
Auch Tumorzellen können auf ihrer Oberfläche Rezeptoren für bestimmte
Wachstums-faktoren haben. Dies bedeutet, dass beim Binden von Wachstumsfaktoren
auf dieser Tumorzelle das bösartige Wachstum gefördert wird.
Tumoren geben ihrerseits an die Umgebung Wachstumsfaktoren für Blutgefäße ab,
um ihre eigene Durchblutung und damit Ernährung zu verbessern. Auch hier gibt es
mittlerweile in der Onkologie erste Therapiemöglichkeiten (siehe Kapitel
Antiangiogenese).
Die Hemmung von Wachstumssignalen in der Tumorzelle wird seit Jahrzehnten im
Rahmen der antihormonellen Therapie eingesetzt. Streng genommen stellen Hormone
Wachstums-faktoren an Zellen dar. Bei Brustkrebs sind es die Hormone Östrogen
und Progesteron, die bei rezeptorpositivem Krebs zum Tumorwachstum führen
können. Beim Prostatakrebs ist es das Testosteron, das Prostatakrebszellen zum
Wachstum anregen kann. Durch die antihormonelle Therapie wird entweder die
Bindung des Hormons an den Rezeptor verhindert oder die Bildung der Hormone
unterdrückt, so dass die Rezeptoren nicht aktiviert werden.
Moderne Therapien, die Wachstumsfaktoren oder ihre Signalkaskaden hemmen,
sind der Antikörper Cetuximab (Erbitux ®) und die „kleinen Moleküle“ Erlotinib
und Gefitinib.
Einige Beobachtungen zeigen, dass übergewichtige Menschen insgesamt häufiger
an Tumoren erkranken. Hierzu gibt es verschiedene Erklärungen. Eine ist, dass
durch das wiederholte Überangebot an Nährstoffen Wachstumsfaktoren hoch
reguliert werden, die vom Körper eigentlich dazu gedacht sind, das
Nährstoffüberangebot in Fettzellen zu speichern. Diese Wachstumsfaktoren können
aber auch zum Wachstum von Tumorzellen führen. Gesunde können deshalb durch
gesunde Ernährung und das Erreichen eines normalen Körpergewichtes auch zur
Prävention von Krebserkrankungen beitragen. Bei bereits erkrankten Patienten
konnte gezeigt werden, dass das Einhalten eines normalen Gewichtes bezüglich der
Rückfallraten sehr positive Ergebnisse mit sich bringt.
Wachstumsfaktoren haben in der Onkologie aber auch positive Bedeutungen. Auch
gesunde Zellen werden leider im Rahmen der Tumortherapie geschädigt, sei es
durch Operation, Strahlentherapie oder Chemotherapie. Hier stehen mittlerweile
erste künstlich hergestellte Wachstumsfaktoren zu Verfügung, die Wachstum und
somit Heilungsvorgänge beschleunigen können. Zu diesen gehören die
Wachstumsfaktoren der Blutbildung (Erythropoeitin,
Granulozyten-Colonie-stimulierende Faktoren = G-CSF bzw.
Granulozyten-Makrophagen-stimulierende Faktoren = GM-CSF). Sie werden
insbesondere nach Chemotherapien oder kombinierten Radiochemotherapien
eingesetzt, um rasch wieder ausreichende Bildung von weißen und roten Blutzellen
zu erreichen und hiermit die zeitgerechte Fortsetzung der Therapie zu
ermöglichen.
Durch den Einsatz der Wachstumsfaktoren G-CSF bzw. GM-CSF gelingt es,
Chemotherapien in höheren Dosierungen oder in engeren Abständen durchzuführen,
da die Erholung des Knochenmarks und der Blutbildung schneller eintritt. Bei
richtigem Einsatz können hierdurch auch die Zeiten der Immunschwäche vermindert
werden, so dass seltener Infektionen auftreten.
Der Einsatz von Erythropoeitin (EPO) stabilisiert das rote Blutbild und
verbessert damit die Durchblutung und Sauerstoffversorgung im gesamten Körper,
aber auch im Tumorknoten.
Untersuchungen habe gezeigt, dass Strahlen- und Chemotherapien in gut
durchbluteten Tumoren wirksamer sind, so dass trotz der befürchteten
verbesserten Ernährung für den Tumor insgesamt durch die Kombination der
Therapie eine besseres Ergebnis erzielt wird.
Beide Wachstumsfaktoren sind in letzter Zeit in die Kritik geraten und die
Forschung wird in den nächsten Jahren nochmals die Bedeutung und den Einsatz
klar definieren müssen. Erythropoeitin wird eingesetzt, um den Wert des roten
Blutfarbstoffes (des Sauerstoffträgers im Blut) während der Therapie auf
ausreichender Höhe zu halten. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass
ausreichende Sauerstoffversorgung des Tumors während einer Chemo- oder
Strahlentherapie zu einem besseren Ansprechen, also zu einem vermehrten
Absterben der Tumorzellen führt.
Während früher nur Transfusionen als Möglichkeit zur Verfügung standen kann
bei Patienten mit ausreichender Reserve im Knochenmark über die Gabe von
Erythropoetin eine vermehrte Blutbildung angeregt werden.
Aufgrund der ersten sehr positiven Ergebnisse wurde in einigen Studien
versucht den Hb-Wert nicht nur etwas anzuheben und dadurch den Patienten die
Symptome der Blutarmut, wie Luftnot und verminderte Belastbarkeit zu nehmen,
sondern man reguliert den Hb-Wert bewusst in den oberen normalen Bereich unter
der Vorstellung hiermit eine noch bessere Therapieergebnisse zu erzielen. Umso
erstaunlicher waren die Therapieergebnisse, die zeigten, dass die Patienten mit
den hohen Hb-Werten, also unter hohen Erythropoeitingaben insgesamt schlechtere
Therapieergebnisse hatten. Der Grund ist noch nicht genau bekannt, jedoch haben
einige Untersuchungen gezeigt, dass zumindestens manche Tumorzellen auf ihrer
Oberfläche offensichtlich Rezeptoren für Erythropoeitin haben und damit die
Therapie zum Wachstumsfaktor für Tumorzellen werden kann. Erythropoeitin sollte
heute deshalb nur wie in den Leitlinien für Ärzte niedergelegt, eingesetzt
werden, wo es tatsächlich zu deutlichen Abfällen kommt, die Patienten dadurch
Symptome entwickeln und es sollte auch nur so dosiert werden, dass der Hb-Wert
in den unteren normalen Bereich angehoben wird.
Da die weißen Blutkörperchen sich besonders rasch generieren, sind sie auch
die ersten, die im Rahmen einer Chemotherapie abfallen.
Die weißen Blutkörperchen sind unter anderem für die Infektabwehr zuständig,
was bedeutet, dass Patienten mit sehr niedrigen Leukozytenzahlen
infektionsgefährdet sind. Blutbildkontrollen sind deshalb während einer
Chemotherapie unerlässlich und es gibt Standardempfehlungen, welche Mindestzahl
an Leukozyten vor der nächsten Gabe der Chemotherapie erreicht werden soll.
Während eine Infektion durch Antibiotika behandelt werden kann ist es
sinnvoller ihre Entstehung direkt zu verhindern. Durch eine rechtzeitige Gabe
von GC-SF kann es gelingen, dass Abfallen der weißen Blutkörperchen zu
verhindern oder zumindestens ein schnelles Wiederansteigen zu erreichen.
Neben der Verminderung der Infektionsgefahr kann durch die Gabe von GC-SF
auch die Zeit bis zum Wiederanstieg der weißen Blutkörperchen verkürzt werden
und damit sichergestellt werden, dass die nächste Chemotherapie im ursprünglich
geplanten zeitlichen optimalen Abstand gegeben wird.
Lange gab es Befürchtungen, dass GC-SF nicht bei Tumorerkrankungen der weißen
Blutkörperchen, also nicht bei Leukämien und Lymphomen eingesetzt werden darf.
Man befürchtete, dass es zu einem vermehrten Wachstum der Tumorzellen käme. Die
konnte jedoch in Studien widerlegt werden, so dass gerade bei zum Teil sehr
intensiven Chemotherapien zur Behandlung von Leukämien und Lymphomen
Wachstumsfaktoren eingesetzt werden. Einige neuere Untersuchungen haben jedoch
auch gezeigt, dass es möglicherweise Jahre nach der Gabe von Wachstumsfaktoren,
vor allen Dingen in Kombination mit bestimmten Chemotherapien zu einer leichten
Erhöhung des Risikos für die Entwicklung einer Leukämie kommt.
Man vermutet, dass gesunde Stammzellen im Knochenmark durch bestimmte
Chemotherapiemittel geschädigt werden und dann unter dem Reiz des
Wachstumsfaktors zu Vorläuferzellen einer Leukämie werden können.
Dies ist jedoch insgesamt sehr selten, trotzdem sollte mit Wachstumsfaktoren
sorgfältig umgegangen werden und es muss im Einzelfall entschieden werden, ob es
nicht auch einmal sinnvoller sein kann, den nächsten Chemotherapiezyklus etwas
zu verschieben und die natürliche Erholung der Blutbildung abzuwarten.
Ein neuer Wachstumsfaktor fördert die Regeneration von Schleimhäuten und wird
derzeit bei Hochdosistherapie, die zu einer erheblichen Schleimhautentzündung z.
B. im Mundbereich führen können, getestet (Palifermin®).
Die unterstützende Behandlung mit Wachstumsfaktoren ist ein sehr gutes
Beispiel für die Möglichkeiten der modernen onkologischen Therapie, nicht nur
immer intensiver gegen die Tumorzellen vorzugehen, sondern auch die Sicherheit
und Lebensqualität unserer Patienten in den Vordergrund zu stellen und neben
hoher Wirksamkeit auch Nebenwirkungen und Sicherheit zu betrachten.
Wachstumsfaktoren sind ein Beispiel, dass hochmoderne, auf alle Möglichkeiten
der modernen Technik und Biochemie zurückgreifende Medizin im höchsten Maße eine
menschliche Medizin sein kann, wenn sie von Ärzten und Patienten gemeinsam und
verantwortungsbewusst eingesetzt wird.
Neue Entwicklungen ermöglichen es auch, die Bildung von Oberflächenzellen im
Bereich der Schleimhäute zu stimulieren und damit die bei einigen Chemotherapien
auftretenden starken Entzündungen und Geschwürbildungen von Schleimhäuten zu
verringern.
Stand 26.08.08
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie