Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Bisphosphonate stellen in der Therapie von Patienten mit Krebserkrankungen
ein wichtiges Standbein dar.
Chemisch handelt es sich bei den Bisphosphonaten um Salze der Phosphorsäure.
Sie führen zu einer vermehrten Einlagerung von Kalzium in den Knochen und damit
zu einer Stabilisierung des Knochens. Aus diesem Grunde werden Bisphosphonate in
der Therapie der Osteoporose eingesetzt.
Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass Bisphosphonate durch ihren Einbau im
Knochen auch den Stoffwechsel der verschiedenen Bindegewebszellen des Knochens
beeinflussen. Hierdurch wird ein Wachstum von Tumorzellen im Knochen verhindert
und gleichzeitig die durch die Tumorzellen ausgelöste Auflösung des Knochens
(Osteolyse) verringert.
In der Onkologie werden Bisphosphonate aus verschiedenen Gründen eingesetzt.
Durch die Krebstherapie kommt es zu einem erhöhten Risiko für die Entstehung
einer Osteoporose. In manchen Tumortherapien erhalten die Patienten auch über
längere Zeit höhere Dosen von Kortison, welches eine Osteoporoseentstehung
fördern kann. Durch eine Chemotherapie oder eine antihormonelle Therapie kann es
sowohl bei der Frau wie auch beim Mann zu einer Hemmung der
Geschlechtshormonwirkung an den Knochen kommen und damit die Gefahr einer
Osteoporose entstehen. Während erste Therapiemöglichkeiten vermehrte Bewegung
und Belastung des Knochens, Kalzium- und Vitamin D-Einnahmen sind, sollte bei
nachgewiesener Verminderung der Knochendichte über eine Bisphosphonattherapie
mit dem Arzt gesprochen werden.
Aufgrund der hemmenden Wirkung auf die Auflösung von Knochenstrukturen werden
Bisphosphonate auch bei fortgeschrittenen Tumoren mit Knochenmetastasen
eingesetzt. Durch Bisphosphonate können Schmerzen verringert und die Ausbreitung
oder Entstehung neuer Knochenmetastasen gehemmt werden.
Einige Studien deuten darauf hin, dass Bisphosphonate schützend vor der
Entstehung nicht nur von Knochenmetastasen, sondern auch von Metastasen in
anderen Organen wirken können. Im Sommer 2008 wurden erste Daten zu dieser
präventiven Therapie bei Frauen nach erfolgreicher kompletter Therapie einer
Brustkrebserkrankung bekannt. Die vollständige Auswertung der Daten sollte aber
abgewartet werden, um sich sicher zu sein, für welche Patientinnen diese
Therapie sinnvoll ist. Sicherlich werden in Kürze auch Untersuchungen zu anderen
Tumorerkrankungen folgen.
Bisphosphonate werden als Tabletten und Infusionslösungen angeboten, wobei
die Tabletten zum Teil täglich, zum Teil auch nur ein Mal wöchentlich
eingenommen werden müssen. Eine Infusion wird in der Regel alle 4 Wochen
verabreicht.
Ist es insbesondere in Folge von größeren Knochenmetastasen zu einer
Auflösung von Knochen und Freisetzung von Kalzium gekommen, so entwickelt sich
im Blut eine eventuell sogar lebensbedrohliche sog. Hyperkalziämie, d. h. eine
deutliche Erhöhung des Kalziumspiegels. Hierdurch kommt es zu Veränderungen der
Erregungsleitung an Nerven, zu Krampfanfällen, Bewusstseinsstörungen bis hin zur
Bewusstlosigkeit. Bei diesem lebensbedrohlichen Krankheitsbild werden
Bisphosphonate erfolgreich intravenös gegeben. Dies erfolgt im Zusammenspiel mit
einem komplexen Therapieregime und muss stationär erfolgen.
Bisphosphonate haben viele positive Seiten, sind jedoch nicht
nebenwirkungsfrei.
Insbesondere bei den Tablettenformen kann es zu einem sauren Rückfluss
(Reflux) von Mageninhalt in die Speiseröhre und Ausbildung einer sog.
Refluxösophagitis (Reizung der Schleimhäute der unteren Speiseröhre) kommen.
Daher sollten Bisphosphonate morgens nüchtern nach dem Aufstehen eingenommen
werden. Es sollte unbedingt vermieden werden, sich anschließend wieder
hinzulegen.
Der Abstand der Einnahme der Bisphosphonate zur Ernährung sollte mindestens 1
Stunde betragen. Aus diesem Grund stellen Bisphosphonate, die nur 1 Mal
wöchentlich eingenommen werden müssen, eine erhebliche Erleichterung des
Tagesablaufs dar.
Viele Patienten erhalten Bisphosphonate intravenös, hierbei sind vierwöchige
Abstände der übliche Rhythmus. Die Infusionen werden relativ gut vertragen. Die
Nebenwirkungen sind Fieber und Unwohlsein, Gelenk- und Knochenschmerzen sowie
allergische Reaktionen, auch Störungen der Nierenfunktion bis hin zum
Nierenversagen sind beschrieben worden. Allerdings sind die modernen
Bisphosphonate wesentlich sicherer in der Anwendung.
Da Bisphosphonate zur Bindung von Kalzium im Knochen führen, kann es bei
einem normalen Kalziumspiegel zu einem weiteren Absinken kommen. Die Patienten
verspüren dann in der Regel Gefühlsstörungen im Bereich um den Mund herum,
Unwohlsein, das Gefühl eines Kollapses, auch Veränderungen der Muskelkraft
können auftreten.
Eine erst seit kurzem beschriebene, aber sehr unangenehme Nebenwirkung der
Bisphosphonate stellen die sog. Kieferosteonekrosen dar. Hierbei handelt es sich
um krankhafte Auflösungen insbesondere der Kieferknochen (sichere Beschreibungen
bei anderen Knochen wurden bisher noch nicht veröffentlicht). Ein tiefgehender
zahnärztlicher oder kieferchirurgischer Eingriff kann die Entstehung dieser
Komplikation fördern.
Aus diesem Grund sollte vor Beginn einer Bisphosphonattherapie eine
ausführliche zahnärztliche Untersuchung sicherstellen, dass alle Zähne und
insbesondere Zahnwurzeln gesund sind, keine größeren Karies- und
Zahnfleischentzündungsherde vorliegen. Werden hier doch Befunde erhoben, so
sollte vor Beginn einer Bisphosphonattherapie eine entsprechende zahnärztliche
Therapie erfolgen.
Die Kiefernekrosen treten offensichtlich fast nur bei Bisphosphonaten auf,
die infundiert wurden, nicht oder nur selten bei der Tablettenform.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Bisphosphonate einen Teil einer sehr
modernen, auf die Lebensqualität des Patienten ausgerichteten Tumortherapie
darstellen. Sie scheinen ein hohes Potential auch in der Verhinderung des
Fortschreitens einer Tumorerkrankung zu besitzen.
Bisphosphonate stellen leider keine nebenwirkungsfreie Therapie dar. Deshalb
sollte der kritiklose Einsatz von Bisphosphonaten bei allen Tumorpatienten nicht
erfolgen.
Stand 26.08.08