Jutta Hübner, Chefärztin der Abteilung Onkologie der
Habichtswald-Klinik Kassel, Wigandstr. 1, 34131 Kassel
Disseminierte Tumorzellen sind einzelne Zellen aus dem primären Tumor, die
entweder im Knochenmark oder im Blut nachweisbar sind. Im Blut werden sie auch
als zirkulierende Tumorzellen bezeichnet.
Der Nachweis von disseminierten Tumorzellen erfolgt aus dem Blut mit
Blutabnahme, aus dem Knochenmark durch Punktion des Markes im Bereich der
Beckenkämme unter örtlicher Betäubung.
Das Blut muß zentrifugiert werden, so dass sich die Zellen im Bodenbereich
des Reagenzglases anreichern.
Wichtig ist es dann, die Tumorzellen von den anderen im Blut bzw. Knochenmark
vorkommenden Zellen zu unterscheiden. Hierzu wird eine spezielle Färbung
genutzt, die die Zellen unter dem Mikroskop sichtbar macht. Farbstoffe reichern
sich auf Zellen an, die Marker von sogenannten Epithelzellen haben.
Die Karzinomzellen sind entartete Oberflächenzellen von Haut- oder
Schleimhäuten sowie Drüsen. Aus diesem Grund besteht eine hohe
Verwechselungsmöglichkeit bei alleiniger Verwendung dieser Färbemethode. Nur die
gleichzeitige Beobachtung der Zelle unter dem Mikroskop und ggf. weitere
spezielle Untersuchungen erlauben es, unter den vielen im Präparat vorhandenen
Zellen die einzelne Tumorzelle mit einiger Sicherheit zu identifizieren.
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass zumindestens für einige Tumorarten der
Nachweis von disseminierten Tumorzellen im Knochenmark oder zirkulierenden
Tumorzellen im Blut ein Hinweis auf eine schlechte Prognose der Patienten ist.
Dies ist auch logisch einleuchtend, da diese Zellen wahrscheinlich Ausdruck der
stattgehabten Streuung des Tumors sind.
Weitere Untersuchungen zeigen, dass sich die disseminierten Tumorzellen zum
Teil in ihren Eigenschaften von den ursprünglichen Tumorzellen unterscheiden.
Möglicherweise trägt dies auch dazu bei, dass diese Zellen trotz laufender
Therapie in einigen Fällen überleben können und dann später zu einem Rezidiv
führen.
Noch unklar ist, ob der Nachweis von disseminierten Tumorzellen dazu genutzt
werden sollte, eine laufende Therapie zu verändern.
Weitergehende Forschungen untersuchen, ob aufbauend auf den neuen
nachgewiesenen Eigenschaften der disseminierten Tumorzellen auch spezielle
Therapiestrategien entwickeln kann.
So weisen z. B. einige Tumorzellen Rezeptoren für Antikörper auf, wie für
HerceptinR oder PanorexR, die auf dem ursprünglichen Tumor nicht nachweisbar
sind.
Eine interessante Beobachtung ist, dass viele der disseminierten Tumorzellen
relativ wenig Moleküle enthalten, die auf eine Zellteilung hinweisen. Dies
könnte eine Erklärung dafür sein, dass diese Zelle durch die übliche
Chemotherapie nicht angegriffen werden, da Chemotherapie insbesondere
teilungsaktive Zellen hemmen.
Vor der Auswertung weiterer Untersuchungen ist es für Patienten nicht
empfehlenswert, die Untersuchungen auf disseminierte Tumorzellen auf
eigene Kosten durchführen zu lassen, da wir noch keinerlei Hinweise haben, wie
wir diese Information in eine Therapie umsetzen. Es ist keineswegs so,
dass alle Patienten, bei denen zirkulierende oder disseminierte Tumorzellen
nachgewiesen werden, ein Rezidiv erleiden. Aus diesem Grund ist es nicht
sinnvoll, allein auf diesem Befund eine Therapie aufzubauen.
Allein das Wissen um den Tumorzellnachweis deshalb für die Patienten auch
eine erhebliche psychische Belastung darstellen.
Stand 26.08.08