Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, sind die Abwehrzellen im Blut. Sie
sorgen dafür, dass Infektionen nicht auftreten oder sich wenigstens nicht
ausbreiten können. Leukozyten werden im Knochenmark aus Stammzellen gebildet.
Diese Stammzellen sind sich rasch teilende Zellen. Dies ist der Grund dafür,
dass während einer Chemotherapie häufig eine Schädigung der Stammzellen und
damit ein Abfall der Leukozyten auftritt. Leukozytenzahlen oberhalb von 3000/ml
sind bei normaler Funktion der Zellen ausreichend für eine gute. Kritisch wird
es bei Werten unter 2000, hier kann bereits eine leichte Abwehrschwäche
vorliegen. In dieser Situation sollten Patienten Infektionsgefahren meiden.
Hierzu gehören insbesondere Menschenansammlungen in Zeiten von Erkältungen,
besondere Temperaturbelastungen, Schwimmen in öffentlichen Bädern etc.
Fallen die Leukozyten unter 1000/ml ab, so raten betreuende Onkologen zu
besonderen Vorsichtsmaßnahmen. Hierzu gehören auch eine besonders gute
Körperpflege und Sorgfalt bei der Zubereitung von Nahrungsmitteln.
Infektionsgefährdete Nahrungsmittel wie ungekochte Eierspeisen, Mayonnaisen und
Speisen, die bei warmem Wetter länger ungekühlt gestanden haben, sollten dann
vermieden werden.
Der Zeitpunkt, zu dem der Abfall der Leukozyten nach einer Chemotherapie
eintritt, ist unterschiedlich. Er hängt von dem Chemotherapiemittel oder der
Kombination ab. Bei Patienten werden nach einer Chemotherapie deshalb in den
folgenden Wochen regelmäßig die entsprechenden Werte im Blutbild bestimmt.
Die Erfahrung zeigt, dass die Gefahr des Abfalls der weißen Blutkörperchen
von Zyklus zu Zyklus einer Chemotherapie zunehmen kann.
Aus diesem Grund sollte vor dem nächsten Zyklus abgewartet werden, bis wieder
eine ausreichende Zahl von weißen Blutkörperchen erreicht worden ist. Meistens
erholen sich die Zahlen relativ schnell, sodass bei Zyklen, die einen Abstand
von 3 oder 4 Wochen haben, der natürliche Verlauf abgewartet werden kann. Einige
Chemotherapiemittel werden auch im wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Abstand
gegeben, ohne dass wesentliche Probleme auftreten. Gegebenenfalls muss die
Chemotherapie aber auch für einige Tage verschoben werden.
In der modernen Therapie wird zum Teil versucht, die Wirksamkeit der
Chemotherapie durch eine engere Abfolge der Zyklen, also Verkürzung der
Abstände, in denen Tumorzellen sich wieder erholen können, zu erreichen. In
diesen Fällen muss oft routinemäßig zu einer medikamentösen Unterstützung der
Blutbildung gegriffen werden. Hierbei kommen sog. Wachstumsfaktoren bei der
Bildung von weißen Blutkörperlichen zum Einsatz. Diese erhöhen eine bestimmte
Unterform der weißen Blutkörperchen, die sog. Granulozyten und heißen deshalb
Granulozyten-Colonie-stimulierende Faktoren (G-CSF bzw. GM-CSF).
Im Einzelfall kann, wenn keine Verschiebung des nächsten Zyklus gewünscht
wird, mit diesen Wachstumsfaktoren eine Anhebung der weißen Blutkörperchen auch
bei 3- bis 4-wöchentlichen Zyklen erfolgen. Dies muss im Einzelfall vom
behandelnden Onkologen entschieden werden.
Die Wachstumsfaktoren werden in der Regel gut vertragen. Durch die Wirkung im
Knochenmark kann es jedoch zu allgemeinen, meist leicht bis mäßig ausgeprägten
Schmerzen im Knochenbereich kommen, einige Patienten haben auch ein Gefühl wie
während einer „Grippe“, da bei einer Infektion ähnliche Wachstumsfaktoren
natürlicherweise im Körper vorkommen.
Kommt es in der Phase einer Leukopenie zu einer Infektion, so muss umgehend
und umfassend reagiert werden, d. h. der Patient sollte sich sofort bei seinem
behandelnden Onkologen oder beim Hausarzt vorstellen. Meist ist der Einsatz von
Antibiotika erforderlich, um eine Ausdehnung von Infektionen zu vermeiden.
Tritt in einer Phase der Leukopenie Fieber auf, so ist ein unmittelbares
Handeln noch dringender. In vielen Fällen ist es dann sogar sinnvoll, dass der
Patient zunächst stationär in einer entsprechend ausgerüsteten Klinik behandelt
wird.
Eine Infektion oder Fieber während einer Leukopenie sind also keine
Krankheitszeichen, die in die Selbstbehandlung gehören.
Unterstützende naturheilkundliche Behandlung
Bei der unterstützenden naturheilkundlichen Behandlung muss zwischen einer
Prävention, also dem Versuch eine Leukopenie zu verhindern, und einer Therapie,
also Maßnahmen bei eingetretener Infektion unterschieden werden.
Verschiedene komplementärmedizinische Therapie werden angeboten, um die
Immunabwehr während einer Chemotherapie zu stabilisieren. Hierzu gehören die
Misteltherapie, Thymustherapie, Peptidtherapien wie Factor AF2 und Polyerga.
Leider liegen für alle diese vier genannten Therapien noch keine ausreichenden
klinischen Studien vor, die die Wirksamkeit beweisen. Im Vergleich zur Gabe von
Wachstumsfaktoren ist eine Wirkung wesentlich geringer ausgeprägt und auch nicht
sicher vorauszusagen. Klärungsbedarf besteht auch noch darin, wie und in welchem
zeitlichen Abstand diese Therapien während einer Chemotherapie angewandt werden
sollen.
Die Misteltherapie stellt wohl die häufigste in dieser Situation angewandte
komplementäre Therapie dar.Ihre das Immunsystem aktivierende Wirkung ist in
vielen Studien gezeigt worden. Unwidersprochen ist sie aber in
wissenschaftlichen Kreisen nicht geblieben, da zumindest für einige Tumorarten
der Verdacht auf eine Wachstumsförderung besteht. Aller Wahrscheinlichkeit nach
ist eine zeitlich eng begrenzte Therapie bei den meisten Tumoren von Organen wie
z. B. Brustkrebs, Darmkrebs, Prostatakrebs, Magenkrebs etc. unproblematisch.
Auch für Thymuspräparate liegen interessante Untersuchungsergebnisse vor. Wie
bei der Misteltherapie werden die Therapieentscheidungen dadurch erschwert, dass
es sehr unterschiedliche Präparate im Angebot gibt und direkte Vergleiche
zwischen den Präparaten bisher nicht vorliegen.
Bei beginnenden Infektionszeichen werden in der Naturheilkunde Präparate wie
Echinacin, Umckaloabo, Vitamin C und Zink empfohlen.
Echinacin stellt das in Deutschland wahrscheinlich am häufigsten verwendete
Präparat dar. Seine Wirksamkeit ist jedoch nach neueren Studien umstritten.
Eindeutigere Daten liegen für das aus Afrika stammende Umckaloabo vor.
Untersuchungen zur Wirksamkeit bei Tumorpatienten oder während einer
Chemotherapie existieren jedoch nicht.
Vermutlich ist auch für Patienten unter einer Chemotherapie eine Einnahme
dieser Substanzen zum Schutz während einer Erkältungswelle unproblematisch.
Keinesfalls sollte jedoch bei beginnenden Infektionszeichen der Gang zum Arzt
vergessen werden.
Auch die Einnahme von (höher dosiertem) Vitamin C und Zink (evtl. als
Lutschtabletten) ist durch wissenschaftliche Studien nicht eindeutig belegt,
scheint jedoch bei beginnenden viralen Infektionen hilfreich zu sein. Hier gilt
jedoch das gleiche wie für Echinacin und Umckaloabo, in der Leukopenie ersetzt
es nicht die Einnahme von Antibiotika. Auf jeden Fall sollte ein Arzt zu Rate
gezogen werden.
Weitere unterstützende Maßnahmen können Einreibungen mit ätherischen Ölen zum
verbesserten Abhusten, die Einnahme von Präparaten aus Thymian oder Efeu zum
Schleimlösen, Wärmeanwendungen und auch Inhalationen sein. Hierbei sollte darauf
geachtet werden, dass das Inhalationsgerät nicht zum Reservoir für Keime wird,
eine besonders hygienische Handhabung ist erforderlich.
Ist es schon während einer Chemotherapie für einige Patienten nicht einfach,
sich normal zu ernähren, so wird dies durch eine Infektion zu einem größeren
Problem. Es ist besonders wichtig, in dieser Zeit leicht bekömmlich
Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Ganz besonders ist auf eine ausreichende
Flüssigkeitszufuhr zu achten, da bei Fieber vermehrt Flüssigkeit verloren geht
und die Nieren gleichzeitig für die Entgiftung nach einer Chemotherapie genügend
Flüssigkeit brauchen.
Zusammenfassend ist die Leukopenie eine für den Patienten während einer
Chemotherapie häufig auftretende Nebenwirkung, die in ausgeprägten Fällen auch
zu einer Gefährdung werden kann. Bei geringsten Hinweisen auf eine Infektion ist
richtiges Handeln wie oben beschrieben erforderlich. Die moderne Medizin hat
diesen Phasen aber weitgehend ihren Schrecken genommen. Voraussetzungen sind
gute Aufklärung der Patienten und Aufmerksamkeit der betreuenden Ärzte.
Die Sorge vieler Patienten, dass durch die Chemotherapie das Immunsystem
zerstört und damit die Abwehr gegen den Tumor endgültig vernichtet wird, ist
allerdings falsch. Wir wissen heute, dass Tumorknoten mit verschiedenen
Mechanismen das Immunsystem unterdrücken und dass erst durch die Schädigung der
Tumorzellen durch die Chemotherapie (oder auch eine Bestrahlung) dieser
Mechanismus unterbrochen wird, sodass die Immunzellen wieder eine Chance
erhalten, die durch die Therapie angegriffenen Tumorzellen endgültig zu
vernichten.
Stand 27.06.07