Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Melatonin ist ein Produkt der Hirnanhangsdrüse (Epiphyse). Melatonin wirkt
biochemisch als Antioxidans und Radikalenfänger, hat aber auch das Immunsystem
beeinflussende Eigenschaften. In Labor- und Tierexperimenten schützt Melatonin
normale Zellen vor der Zellschädigung durch eine Bestrahlung oder
Chemotherapie.
Verschiedene Untersuchungen weisen darauf hin, dass es möglicherweise eine
Relation zwischen dem Melatoninspiegel im Blut und einer Krebserkrankung gibt.
Eindeutige Beziehungen konnten jedoch bisher nicht nachgewiesen werden.
Melatonin hat Einfluss auf das Zellwachstum und die Zellteilung. Es führt zur
Differenzierung von Zellen und kann zumindest im Laborexperiment das Eindringen
von Tumorzellen und die Ausbildung von Metastasen verringern.
In Laborexperimenten konnten einige Mechanismen gezeigt werden, über die
Melatonin den Stoffwechsel von Tumorzellen beeinflussen kann.
Weitere Laborexperimente zeigten, dass verschiedene Tumorzelllinien
durch Melatonin am Wachstum gehindert werden können. Hierzu gehören
Prostatakarzinomzellen und Mammakarzinomzellen.
In mehreren Untersuchungen wurde bei Patienten mit fortgeschrittenen
Tumorleiden eine Therapie mit Melatonin versucht. Die meisten Veröffentlichungen
stammen von einer einzelnen italienischen Arbeitsgruppe, so dass der Vergleich
mit anderen Forschergruppen leider fehlt. Das Ansprechen der Tumoren scheint
nach den Berichten dieser italienischen Gruppe äußerst unterschiedlich zu sein.
Bei einigen Patienten konnte eine längerfristige Stabilisierung der vorher
voranschreitenden Erkrankung gezeigt werden, in anderen ergab sich keinerlei
positiver Einfluss.
In weiteren Untersuchungen versuchte die gleiche Arbeitsgruppe, die
Melatonintherapie mit dem Botenstoff des Immunsystems Interleukin-2 zu
kombinieren. Auch hier kam es bei einigen Patienten zu positiven Ergebnissen.
Leider fehlt der Vergleich zu einer Kontrollgruppe, so dass kaum ausgesagt
werden kann, welcher Effekt wirklich auf das Melatonin zurückzuführen ist.
Zur Effektivität der Kombination aus Melatonin und einer Chemotherapie liegen
mehrere Veröffentlichungen der bereits erwähnten italienischen Arbeitsgruppe
vor. Auch hier sind die Ergebnisse nicht eindeutig. Ob Melatonin die Wirksamkeit
der Chemotherapie verbessert, kann derzeit nicht sicher ausgesagt werden.
Melatonin ist keine nebenwirkungsfreie Therapie. Es kann zu Müdigkeit,
Desorientiertheit, schnellem Herzschlag (Tachykardie), Juckreiz, Hautrötungen,
krampfartigen Bauchschmerzen und Kopfschmerzen kommen. Wechselwirkungen bestehen
mit dem blutdrucksenkenden Mittel Nifedipin sowie dem Psychopharmakon
Fluvoxamin.
Zusammenfassend könnte Melatonin eine interessante Substanz in der
Kombination mit anderen Medikamenten in der Tumortherapie sein. Hierzu sind
weitere Forschungen erforderlich.
Als alleinige Therapie ersetzt es eine notwendige Therapie jedoch nicht.
Für einige andere komplementärmedizinische Methoden liegen bessere Ergebnisse
aus Studien vor, die die positive Beeinflussung der Nebenwirkungen einer
Chemotherapie zeigen, so dass die bevorzugt werden sollten. Hierzu gehören z. B.
Selen und eine Enzymtherapie.
Stand 26.08.08