Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Einleitung
Selbstmedikationen sollten ohne Hinzuziehung des Arztes nur bei bekannten
Krankheitserscheinungen und für einen begrenzten Zeitraum durchgeführt werden,
um die Verschleppung einer evtl. bestehenden ernsthaften Erkrankung zu
verhindern.
Auch bei pflanzlichen Medikamenten, z. B. in Form von Tees, sind
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht auszuschließen, so dass im
Zweifelsfall der Arzt konsultiert werden sollte.
Teezubereitungen entstehen aus Pflanzenteilen durch Überbrühen oder Abkochen.
Ätherische Öle dürfen nur überbrüht werden und müssen abgedeckt ziehen.
Man unterscheidet bei Teezubereitungen Monosubstanzen und Gemische, bei denen
aufeinander inhaltlicht abgestimmte Drogen mit ähnlicher oder sich ergänzender
Wirkung zum Einsatz kommen.
Inhaltsstoffe von Pflanzendrogen
Beispielhaft seien hier einige Inhaltsstoffe aufgeführt:
§ Alkaloide - wirken
hauptsächlich auf das zentrale Nervensystem
- Herzglykoside - steigern die Kontraktionskraft des Herzens
- Saponine - haben eine schleimlösende und antientzündliche Wirkung.
Außerdem eignen sie sich als sogenannte Emulgatoren, also
Lösungsvermittler
- Flavonoide - wirken antientzündlich, antioxidativ und krampflösend
(spasmolytisch)
- Anthranoide - wirken abführend auf den Dickdarm
- Kumarine - sind gefäßaktiv
- Ätherische Öle - wirken sekretionsanregend, krampflösend (spasmolytisch)
und antimikrobiell
- Gerbstoffe - wirken antientzündlich, antimikrobiell und adstringierend,
also die Schleimhaut schützend
Pflanzliche Wirkstoffe am Verdauungstrakt
Mund-Rachen-Raum
Salbei enthält ätherisches Öl und Gerbstoffe, wirkt
antientzündlich und kommt bei Erkältungen aber auch zum Schutz der Schleimhäute
unter einer Chemotherapie zum Einsatz in Form von Teezubereitungen, aber auch
käuflich erhältlichen Lösungen.
Kamille enthält ätherische Öle, wirkt antientzündlich und
hat eine beruhigende Wirkung auf die Schleimhäute. Kamille findet als Tee oder
fertige Lösung Verwendung.
Arnika wirkt antientzündlich und verbessert die lokale
Abwehr, eine allergische Reaktion ist jedoch möglich. Bei äußerlichen
Anwendungen wird Arnikatinktur ca. 10-fach verdünnt angewandt.
Isländisch Moos und Eibischwurzeln sind Schleimdrogen, die
eine beruhigende Wirkung auf die Schleimhäute, vor allen Dingen im
Mund-Rachenbereich entfalten und bei grippalen Infekten als Lutschpastillen
verwendet werden.
Magen-Darm-Trakt
Bei Appetitlosigkeit können Bitterstoffdrogen eingesetzt werden. Sie wirken
magentonisierend und sekretionsfördernd. Beliebte Pflanzen sind Enzian,
Tausendgüldenkraut, Wermut und Pfefferminze. Die Einnahme sollte ca. 30 Minuten
vor dem Essen erfolgen.
Bei Verdauungsstörungen kommen Pflanzen zum Einsatz, die den Gallenfluss
fördern und Blähungen vermindern. Hierzu zählen Anis, Fenchel, Kümmel,
javanische Gelbwurz, Löwenzahn und Kalmus.
Bei Magenbeschwerden im Sinne einer leichten Magenschleimhautentzündung
können Kamille und Süßholz (Lakritze) eingesetzt werden. Sie wirken
entzündungshemmend und krampf-
lösend. Ein gutes Mittel gegen zu hohe
Magensäure ist Angurate-Tee. Bei nervösen Magenbeschwerden kann auch Melisse
eingesetzt werden. Wichtig ist hier die rechtzeitige Konsultation des Arztes und
Abklärung der Beschwerden mittels Magenspiegelung.
Teemischungen bei Verdauungsstörungen und Blähungen setzen sich aus Anis,
Fenchel und Kümmel, bei Magenbeschwerden zusätzlich aus Kamille und Pfefferminze
zusammen.
Fertigpräparate sind z. B. Iberogast® (Kamille, Kümmel, Mariendistel,
Melisse, Pfefferminze, Schöllkraut, Süßholzwurzel) und Carminativum Hetterich®
(Kamille, Pfefferminze, Fenchel, Kümmel, Pomeranze).
Durchfallerkrankungen
Gehen Durchfall helfen getrocknete Heidelbeeren als Abkochung.
Ein industriell verfügbares Adsorbens sind indische Flohsamenschalen
(Mucofalk®). Der Vorteil dieses Präparates ist, dass es nicht zu einer
Verstopfung führt, sondern bei Verstopfung abführende Wirkungen entfalten kann.
Ein bekanntes Mittel aus dem naturheilkundlichen Bereich sind Pektine in Form
von z. B. geriebenem Apfel. Pektine sind auch als Pulver erhältlich.
Verstopfung
Bekannt sind Leinsamenzubereitungen oder indischer Flohsamen.
In vielen Mischpräparaten sind allerdings Anthranoiddrogen enthalten (Aloe,
Sennesfrüchte), die bei längerfristiger Einnahme zu einer Schädigung der
Darmschleimhaut führen können. Gleiches gilt für die Faulbaumrinde.
Leberfunktionsstörungen
Das bekannteste naturheilkundliche Mittel ist die Mariendistel (Wirkstoff
Silymarin). Nachgewiesenermaßen stabilisiert Silymarin die Zellmembran der
Leberzelle.
Vorwiegend gallesekretionsfördernd, aber auch sehr gut cholesterinsenkend
wirken Artischockenpräparate.
Gallenwege
Eine beruhigende Wirkung auf die Gallenwege haben Löwenzahn, Artischocken und
Pfefferminzpräparate. Schöllkraut wurde ebenfalls früher in dieser Indikation
eingesetzt, ist jedoch mittlerweile umstritten, da vereinzelt lebertoxische
Reaktionen gesehen wurden.
Pflanzliche Wirkstoffe an den Atmungsorganen
Erkältungskrankheiten
Zur Stimulation der Immunabwehr bei Infekten bzw. zur Prophylaxe können
Sonnenhut-Präparate in Tropfenform oder als Kps. eingesetzt werden. Injektionen
und Infusionen sind aufgrund einer möglichen allergischen Reaktion
kontraindiziert. Zur Verfügung stehen zwei Pflanzen: Echinacea purpura ist
zugelassen zur Prophylaxe bei wiederholten Infekten, Echinacea pallida zur
begleitenden Behandlung eines grippalen Infekte. In Kombinationspräparaten
finden sich oft Beimischungen der ebenfalls immunstimulierenden Pflanze
Thuja.
Als schweißtreibende Tees bieten sich Holunder- oder Lindenblüten an.
Bei Schnupfen empfiehlt sich eine Inhalation mit einer Kamillenlösung
(Teezubereitung oder Kamillosan und ähnliches).
Zum Abhusten sich sogenannte Expektoranzien eingesetzt, die die Sekretolyse
mit ätherischen Ölen (Eukalyptus, Pfefferminze, Anis, Myrte, Thymian, Primeln,
Efeu) fördern.
Erhältliche Fertigpräparate sind Sinupret® (Enzian, Primel, Holunder, ...),
Gelomyrtol forte® (Myrte) sowie Salviathymol® (Salbei, Eukalyptus, Pfefferminze,
Zimt, Nelke, Fenchel, Anis, Menthol und Thymol).
Pflanzliche Wirkstoffe am Urogenitaltrakt
Wassertreibende Medikamente
Wassertreibend sind Birkenblätter, Brennesselblätter und Beerentraubenblätter
sowie Wacholderbeeren, letztere sollten jedoch nicht bei Nierenschädigungen
angewandt werden.
In den meisten Teepräparaten findet sich eine Mischung dieser Substanzen. Die
medizinische Wirkung wird wahrscheinlich zum Teil über den hohen Kaliumgehalt
erreicht.
Ebenfalls wassertreibend wirkt Spargelwasser.
Blasenentzündung
Bärentraubenblätter entwickeln eine antibakterielle Wirkung, als Tee führen
sie zusätzlich zu einer vermehrten Durchspülung.
Ein kommerziell erhältliches Mischpräparat ist Cystinol® aus Bärentrauben-
und Birkenblättern, Schachtelhalm und Goldrutenkraut.
Berichte aus den USA zeigen außerdem eine gute präventive Wirkung von
Cranberries oder Cranberry-Extrakt.
Prostatahyperplasie
Einige pflanzliche Präparate können eine gutartige Vergrößerung der Prostata
positiv beein-
flussen. Hierbei handelt es sich um die Sägezahnpalme, welche
sogenannte Phytosterole, also pflanzliche hormonähnliche Substanzen enthält, die
neben der antientzündlichen Wirkung den Wachstumsreiz des körpereigenen
Testosterons blockieren. Kürbiskerne haben wie die Sägezahnpalme eine
kombinierte antientzündliche und antihormonelle Wirkung, auch Brennesselextrakt
wirkt antientzündlich (s. u.).
Pflanzliche Wirkstoffe bei rheumatischen Krankheitsbildern
Bestimmte Pflanzeninhaltsstoffe hemmen die Synthese von Leukotrienen und
Prostaglandinen und wirken dadurch antientzündlich. Hierzu gehören Brennessel,
Teufelskralle, Weide, Weihrauch und Wacholder. Lokal antientzündlich und
gleichzeitig durchblutungsfördernd wirken Kohlblätter (Wickel), Senfmehl
(Auflagen) sowie Capsaicin (Inhaltsstoff des Pfeffers), kommerziell als Salbe
oder Pflaster erhältlich. Zum Einnehmen gibt es neben den Einzelsub-
stanzen
auch das Kombinationspräparat Phytodolor®.
Pflanzliche Wirkstoffe bei Schlafstörungen
Hier haben sich Baldrian, Hopfen, Melisse und Lavendel auch in
medizinisch-klinischen Studien bewährt. Häufig kommen Kombinationen zum Einsatz.
Anwendungen erfolgen in Form von
Bädern, Fußbädern, Tee sowie
Tabletten/Tropfen.
Pflanzliche Wirkstoffe bei Depressionen
Nachgewiesenermaßen wirkt Johanniskraut antidepressiv. Wichtig ist eine
ausreichende Dosierung mit 2-3 x 300 mg Hyperforin, dem Hauptinhaltsstoff.
Hyperforin hemmt die Aufnahme von Botenstoffen (Serotonin, Adrenalin und Dopamin
sowie GABA und L-Glutamat) in Hirnnervenzellen. Im Vergleich zu
schulmedizinischen Antidepressiva wird Johanniskraut fast nebenwirkungsfrei
vertragen. Zu beachten sind jedoch zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten, so dass eine Selbstmedikation des Patienten nicht empfehlenswert
ist. Außerdem besteht eine erhöhte Sensibilität auf UV-Licht, Patienten sind
entsprechend vorzuinformieren.
Ein im asiatischen Raum weit verbreitetes Psychopharmakon sind Extrakte der
Kava Kava-Wurzel. Derzeit ruht in Deutschland jedoch die Zulassung, da eine
Lebertoxizität beschrieben wurde.
Pflanzliche Wirkstoffe bei Kopfschmerzen
Pfefferminzöl und japanisches Heilpflanzenöl können bei Kopfschmerzen direkt
auf den
Schläfenbereich getropft werden.
Übersicht über in Bädern anzuwendende ätherische Öle
|
Wirkung |
Ätherische Öle |
|
Anregend |
Rosmarin, Wacholder, Fichtennadel, Eukalyptus, Kampfer (auch zur
Durchblutungsförderung) |
|
Beruhigend |
Baldrian, Lavendel, Melisse, Johanniskraut |
|
adstringierend |
Eichenrinde (z. B. in Form von Sitzbädern bei nässenden
Ekzemen) |
|
entzündungshemmend |
Kamille, Teebaumöl |
|
broncholytisch |
Thymian |
|
bindegewebskräftigend |
Schachtelhalm (Zinnkraut) |
|
durchblutungsfördernd |
Moor, Rosskastanie |
Stand 27.06.07