Werner Wilhelm Wicker
In der „sanften Onkologie“ gibt es sicherlich zwei wesentliche
Gesichtspunkte:
Zum einen den Gesichtspunkt der onkologisch-medizinischen
Therapie. Zum anderen den Gesichtspunkt des sensiblen, feineren Umganges des
Patienten mit sich selbst, seinen feinen Ebenen, die ihm mehr Aufschluss über
Hintergrund und Begleiterscheinungen seines Leidens und seiner Erkrankung geben
können.
Hier geht es um einen heilsamen Vorgang, der zur inneren Heilung führen
kann.
Annahme der onkologischen Krankheit
Hier ist auf den sensibelsten inneren Strukturen festzustellen, ob die
Krankheit wirklich angenommen oder noch gegen sie „gekämpft wird. Die Kraft und
Energie des Patienten, die „im Kampf gegen die Krankheit“ verbraucht wird, steht
einer wirklichen Annahme entgegen. Sie ist als helfende heilende Kraft und
„Helfer des inneren Arztes“ so lange blockiert, bis die vorbehaltlose Annahme
der Krankheit erfolgt ist. Emotional ist dieser anzustrebende Zustand etwa so zu
beschreiben:
Der Patient sollte mit einfühlsamer therapeutischer Hilfe und „heilsamer
therapeutischer Begleitung“ die Krankheit und den lokal erkrankten Bereich zu
seinem ihm einverleibten und mit ihm auf allen Ebenen total verbundenen und
identifizierten Bereich machen. Dieser „Akt der Annahme“ ist zugleich ein in
Demut und vorbehaltloser Annahme aufgehender Akt, der nur bis zu einem
bestimmten Grad noch intellektuell begleitet werden kann. Die tiefergehenden
„Annahmeebenen“ liegen in den feinen Gefühls- und Empfindungsbereichen des
Patienten, die im Sinne von Heil und Heilung heilsam aufgeschlossen werden. Je
mehr der Therapeut die dafür so hilfreichen Eigenschaften in sich selbst besitzt
und zum Wohle des Patienten zum heilsamen Fließen bringen kann, je mehr er den
Patienten dafür öffnen und für die vorbehaltlose Annahme aufschließen und den
Akt der Annahme in einen „Schoß der liebevollen Aufnahme“ einbringen kann, um so
mehr wird sich ein Erfolg einstellen. Auch bei Patienten, die versichern, sie
hätten dies alles bereits in sich vollzogen, sollten die einzelnen Schritte
dieser Annahme – die natürlich einen fließenden Übergang haben – noch einmal auf
der Gefühls- und emotionalen Ebene nachvollzogen werden, um etwa noch vorhandene
letzte Annahmehürden zu überwinden.
Liebevoller Umgang mit sich selbst
Wir können nur so liebevoll sein, wie wir zu uns lebst sind. Dies hat nichts
mit Narzissmus zu tun. Es hat zunächst einmal etwas mit der Annahme von sich –
bzw. von uns – selbst zu tun. Kein Mensch dieser Erde kann uns so vorbehaltlos
lieben und annehmen wie wir dies selbst könne, vor allem wenn es darum geht,
diese Liebe jederzeit abrufbar und verfügbar zu haben bzw. „als ständigen
Begleiter „ in uns tragen zu können. Diese Liebe in eine heilende Liebe
verwandeln zu können, bedarf fast keiner Verwandlung mehr, weil Herzensliebe
immer zugleich auch heilende Liebe ist. Die größte Heilkraft, die wir in uns
besitzen bzw. freisetzen können, ist die Liebe des Herzens. Wenn wir sie in uns
tragen, wird sie von selbst zu unserem und zum Wohle anderer strömen.
Bei der sanften Onkologie geht es um die Basis einer liebevollen
vorbehaltlosen Annahme des Patienten bezüglich seiner eigenen Person, dass heißt
von sich selbst, die auch die liebevolle Annahme eigener Fehler und Schwächen
mit einschließt.
Zu sich – „auf allen Ebenen“ – vorbehaltlos stehen zu können
und sich voll angenommen zu haben, setzt wiederum ein weiteres Kraftpotential
frei, das ansonsten blockiert wäre und über seine Bindung hinaus auch an der
Selbstsicherheit, dem Selbstverständnis und dem Urvertrauen nagende
Eigenschaften hat.
Die Einsicht, Liebe und daraus resultierende Kraft des Verzeihens und der
Vergebung
“Allen kann ich verzeihen und vergeben, aber einer ganz
bestimmten Person oder einigen Personen nicht“.
Wer hat nicht schon diesen Spruch gehört? Wer nicht schon diese
Unnachgiebigkeit zugleich herausgespürt?
In persönlichen Gesprächen erreiche
ich oft erstaunliche Einsichten, indem ich darauf verweise, dass derjenige oder
diejenige, der wir nicht verzeihen können, recht gut damit leben kann. Denn sie
sind ja in diesem Falle nicht mit dem nichtvollzogenen Akt des Verzeihens
belastet. Der „nicht verzeihen Könnende“ jedoch hat hier einen oder einige
„Kanäle“ blockiert, die seine eigene Freiheit einschränken und seine
Durchlässigkeit und das Fließen der Heil- und Lebenskräfte in ihm erschweren und
blockieren. Ist diese Einsicht gewonnen, dann ist wiederum ein entscheidender
Akt – zumindest eine entscheidende Vorbedingung – erfüllt.
Oft ist auch der Hinweis hilfreich:
- “Wenn Sie wirklich meinen, dem anderen nicht verzeihen zu können, dann
verzeihen Sie ihm sich selbst zuliebe, denn Sie tragen den Schmerz und die
Blockierung in sich, die in Ihnen einer Auflösung bedarf, die auch nur von
Ihnen vollzogen werden kann“.
Aber dann muss natürlich noch der Akt des „Verzeihens in Liebe“ vollzogen
werden. Wenn dies mit Hilfe eines sensiblen Gesprächspartners oder Therapeuten
mit guter Wahrnehmungsfähigkeit und in liebevoller Begleitung durchgeführt
werden kann, könnte der Erfolg noch größer sein. Dies ist in liebevoller
Qualität dann besonders gut möglich, wenn der in dieser Abfassung bereits
beschriebene liebevolle Umgang mit sich selbst bereits erfolgreich vollzogen
werden konnte.
Die Qualität dieses „Verzeihungsaktes“ zeigt sich in dem verbesserten
Verhältnis des Verzeihenden mit dem Verziehenen. Je größer die innere Freiheit
und Unbefangenheit desjenigen, der verziehen hat, gegenüber demjenigen, dem
verziehen worden ist, gegeben ist, um so besser und um so tiefer ist der Vorgang
des Verzeihens gelungen.
Der Akt der Verzeihung kommt dadurch zustande, dass der Verzeihende eine
liebevolle Verbindung zu dem zu Verzeihenden herstellt, die zugleich die
belastenden Strukturen auflöst. Friedvolle Gedanken und Liebe im Herzen machen
dies möglich.
- Leben, sterben und die Angst vor dem Tod
Immer wieder ist festzustellen, dass die Angst vor dem Tod sehr viel
Kraft binden und zugleich auch einen Heilungs- oder Linderungsprozess sehr
hemmen kann.
Die dadurch bedingte mangelnde Fähigkeit des inneren Loslassens kann mit der
damit verbundenen Angst zu einer Krampfhaltung führen, die einer heilsamen und
krankheitslindernden Entwicklung im Wege stehen kann.
„Der notwendige Trost, um die Angst vor dem Tod abzubauen, sollte dadurch
gewonnen werden, dass wir die Sicht des Patienten aus der Begrenztheit des einen
(jetzigen) Lebens hinaus in das Begreifen der Unsterblichkeit unserer Seele
(unseres wirklichen und wahren Wesens) führen“.
Anschauliche, beispielhafte und hilfreiche Hinweise hierzu gibt es genug.
- Zum einen kann auf die Reinkarnationslehre verwiesen werden, die bis zum
Konzil von Konstantinopel Bestandteil der Bibel und des christlichen Glaubens
war.
Zum anderen auf die Unsterblichkeit der Seele, die mit einem
beglückenden Sterbevorgang beim Ableben des Körpers verbunden sein kann.
Angesprochen werden kann auch unsere oft vorhandene Überidentifikation mit
unserem Körper, die uns unser wahres Wesen (unsere Seele) vergessen lässt und
einen maßgeblichen Anteil an der Angst vor dem Tod zum Inhalt haben kann. Dies
sollte bei dem Patienten dadurch abgebaut werden, dass wir ihn aus der Sicht
der Begrenztheit auf ein Leben (des jetzigen Lebens) in das Begreifen der
Unsterblichkeit unserer Seele (unseres wahren und wirklichen Wesens, das viele
Leben zum Inhalt haben kann) führen.
Die Auseinandersetzung mit der Reinkarnationslehre zeigt uns die Entstehung
unseres Ichs (Welt-Ichs) auf. Wenn wir als kleines Kind noch eins mit dem Kosmos
sind, bilden wir unser eigenes Ich dadurch, dass uns beigebracht wird, dass die
wahrgenommenen Dinge, Haus, Auto, Baum und wir uns selbst als eigenständige
Dinge und nicht als Teil des Ganzen in Einheit mit dem Ganzen betrachten
sollen.
Der Vater oder die Mutter sagt zu dem ganz kleinen Kind, dass sich noch im
Einsein mit der Natur befindet:
- dies ist der Baum
- das ist das Haus
- dort ist das Auto
- das bist Du (bin ich)
Damit ist das eigene ich, „Welt-Ich“, begründet, das wir zwar für unseren
existentiellen Bestand und unsere Durchsetzungs- und Umsetzungsfähigkeit in
diesem Leben benötigen, meisten aber in einem so starken Maße (auch durch
übergroße Identifikation mit dem Körper) entwickeln, dass wir unser wahres und
höheres Selbst dabei vergessen. Dies kann die Angst vor dem Tod sehr
fördern.
Die Angst vor dem Tod kann uns genommen werden und eine überweltliche
Dimension entstehen, wenn wir uns wieder unseres wahren Wesens gewahr werden und
die Überidentifikation mit unserem Körper zurückgenommen haben.
Eine solche Entwicklung überträgt sich auch auf unser derzeitiges Leben. Wir
werden gegenwartsbezogener, leben mehr im Hier und Jetzt, lassen Ängste und
unnötige Anspannungen los und sind mit unserem Bewusstsein auf die größere
Dimension – die über unser derzeitiges Leben hinausgeht – ausgerichtet.
„Wer die Kunst zu leben und zu sterben nicht durchlebt – bzw. durchgearbeitet
hat – ist auch nicht in der Lage, richtig zu leben“.
- Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm
früher oder später stellen.
- Nicht weniger wichtig als die Vorbereitung auf unseren eigenen Tod ist es,
anderen zu helfen, gut zu sterben.
- Sterbende Menschen brauchen dringend Liebe und Fürsorge, aber das ist noch
nicht alles. Sie müssen einen Sinn im Leben und im Tod entdecken.
- Wirkliche Hilfe für Sterbende sollte daher immer auch das Angebot
spiritueller Betreuung beinhalten. Denn nur mit dem spirituellen Wissen können
wir uns dem Tod wirklich stellen und ihn verstehen.
- Der Tod ist weder deprimierend noch spannend, er ist einfach eine Tatsache
des Lebens.
- Wenn wir diese Einsicht voll in uns integrieren können, wird unsere Leben
sehr viel an Tiefe und Erlebnisfähigkeit gewinnen, und wir werden
gegenwartsbezogenen im Hier und Jetzt leben.
Unsere unsterbliche Seele
– unser wahres Selbst –
Unsere unsterbliche Seele kann weder
mittels Feuer verbrannt
mittels Wasser ertränkt noch
mittels einer Kugel
erschossen werden. Sie ist unser unsterblicher Anteil in uns. Sie vermittelt
uns während des Sterbevorgangs die Erfahrung der Unsterblichkeit und dass sie
nicht auf Dauer an den Körper gebunden ist.
Menschen denen es gelingt, während einer meditativen Erfahrung den Körper zu
verlassen und von oben auf den Körper herabzuschauen, erkennen spätestens in
diesem Moment ihr wahres Wesen – ihre Seele – und die zeitliche Gebundenheit an
ihren Körper.
Dies deckt sich mit vielen Erfahrungen, die Menschen – die
bereits klinisch tot waren und die dennoch in ihrem jetzigen Körper überlebt
haben – berichten.
Der Sterbevorgang kann ein sehr befreiender und beinahe beglückender Vorgang
sein. Je mehr wir uns damit auseinandersetzen und darauf vorbereiten, um so mehr
können wir auch den Sterbevorgang zur weiteren Entwicklung unserer Seele während
desselben gebrauchen, da uns beim Sterbevorgang dafür beträchtliche helfende
Energien zur Verfügung stehen.
Sinnvoll ist es, auch bereits jetzt in und aus
der Seele zu leben.
Bert Hellinger sagt in seinen Seminaren:
“Wir haben eine Ich-Ebene, und
wir haben eine Seelen-Ebene“.
Damit können wir uns bereits – so lange wir in diesem Körper leben –
entscheiden, ob wir in der Ich-Ebene oder der Seelen-Ebene leben und „zu Hause“
sein wollen.
Bert Hellinger sagt auch:
“Wir sollen nicht nur eine Seele in uns
haben, sondern wir sollen auch in dieser Seele sein“.
Dies kann uns in eine neue Dimension führen, die es uns erlaubt, unserem
Schicksal ins Auge zu sehen und mit mehr Kraft und Tiefe zugleich zu meistern.
Wir können Wachstumsprozesse erleben, die unserer Persönlichkeit und ihrer
Entwicklung dienlich sein können. Wenn wir im Heilberuf tätig sind, können wir
dadurch die Patienten viel tiefer und nachhaltiger auf Ebenen des Heils und der
inneren Heilung erreichen. Auch wenn wir nicht im Heilberuf tätig sind, können
wir die Menschen mit denen wir kommunizieren, auf diesen Ebenen erreichen und
damit viel Heil und Heilsames vermitteln.